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Weniger ist mehr

ADAM in Frankenthal war spitze. Anfangs hatten zwar alle große Bedenken, dass es überhaupt zu schaffen sei, weil die Hälfte der ADAMici entweder verletzt, krank oder sonst wie verhindert waren. Es waren nur 60 Chorleute dabei, die Hälfte der Band war ausgetauscht oder fehlte (oder kam erst später...). Wie sollte das funktionieren?
Aber der Soundcheck war rechtzeitig fertig und der Sound perfekt, man konnte alles hören, kein 7-Sekunden-Echo-Soundbrei (wir sollten öfters in kleineren Kirchen spielen). So hatte Leo noch genügend Zeit mit der Band und dem Chor zu proben.

Statt normaler Einsingübungen fing Leo am Anfang der Probe mit Pfälzerwitzen an:
"Wir sind ja hier in der Pfalz. Ich könnte Euch jetzt einen Pfälzerwitz erzählen, aber es ist schwierig die Pointe richtig rüberzubringen, dazu muss man den Dialekt beherrschen."
Später dann: "Kommt jemand aus dem Chor aus der Gegend hier?" Ein paar Finger zeigten in die Höhe... "Oh..." (ich hab leider keinen einzigen Pfälzerwitz gehört, vielleicht wollte Leo es sich doch nicht mit den Eingeborenen verscherzen und hat sie sich verkniffen, vielleicht war ich bei der Pointe aber auch nur zufällig aufm Klo).

Das Saxophon fehlte, besonders auffällig war das schon bei der Ouvertüre, es war seltsam diese Stille zu hören, wenn man sonst den lauten, grellen ADAM-Urschrei so gewöhnt ist.
Serena an der Flöte fehlte auch, und einem ganz besonders, dem Meister nämlich, denn nun lag es an ihm diese Noten zu spielen.
"Hast Du gut geübt, Gregor?" - "WER hat DAS KOMPONIIIIIERT?" und rauft sich dabei die Haare, beißt sich verzweifelt auf die Lippe... Ich glaube er hatte ein paar schlaflose Nächte und hat heimlich ganz viel geübt (ganz im Gegensatz zu seinem sonstigen Prinzip "Lieber 20 min zittern als 3 Stunden üben"). Bei diesen Noten (die hat er sich ja selber ausgedacht...) blieb ihm allerdings auch nicht viel anderes übrig als zu üben.

Der Ersatztrompeter war perfekt von Clemens vorbereitet worden. Aber einmal haute es ihn raus und er musste in der Probe tatsächlich ein Lied zweimal anspielen. Er brachte ein erstauntes: "Sorry, ich kann die Noten nicht so schnell lesen, die sind hier HANDgeschrieben!" hervor.
Ja... mit einem schon etwas stumpfen Bleistift, das Problem kennen wir. Damals in der Basilika in Assisi, zwei Stunden vor der Premiere, kamen die letzten Noten von "Wir tragen eines Menschen Namen" bei der Band an... handgeschrieben.

Als Christian sein Bratschensolo auf der Kanzel probte und eine Stelle ein bisschen daneben lag, meinte Leo nur trocken:
"Ich könnte jetzt auch einen Bratscherwitz erzählen..."
Alles brüllte vor Lachen, besonders die Flöte (Gregor), bzw bei der Flöte hört man es sofort wenn sie losgeiert und gleichzeitig spielen will (beides gleichzeitig geht nämlich nicht).
Es sind natürlich immer dieselben Stellen im Stück, die heikel sind und geprobt werden müssen.
Leo: "Wir proben jedes Mal dieselben Stellen, Ihr kennt diese Stellen auch alle, Ihr wisst auch wie sie richtig gehen, wir können uns auch anders langweilen. Also seid so nett und gebt dem Komponisten die Ehre, und singt es einfach sofort richtig."

Etwas später winkte Leo ab: "Bässe, ich muss Euch was sagen, wir haben den Andreas immer zum Chor-Bass eingemischt, er ist als Solist näher am Mikro und konnte so den Bass verstärken. Jetzt ist der Andreas nicht da und wir haben ein Problem - das Ganze ist zu höhenlastig, wir brauchen mehr Bass. Mehr Tiefe. Strengt Euch an, Männer!"
Er musste noch bis kurz nach Konzertbeginn warten, bis der richtige Bass-Sound kam. Passenderweise bei "Alles ist anders" kam Tibor mit seinem E-Bass herein - von da an zauberte ein satter Sound mit genügend Tiefe ein breites Lächeln auf des Meisters Gesicht.
Beim Lied "Am Ende bliebe nur ein Klang" musste sich Gregor aus Platzgründen auf dem Notenständer entscheiden, welche Noten ihm wichtiger sind - die Instrumentalnoten für das schöne Altflötensolo am Anfang oder die Chorpartitur mit dem Text der ersten Strophe. Er musste ja beides schaffen. Schließlich entschied er sich für die Chorpartitur und konnte nach dem schönen Flötensolo gerade noch Luft holen für die erste Strophe (mit dem richtigen Text).

Beim Narr gabs in der Streicherecke eine kleine Werbepause:
"Dieses Stück wird Ihnen präsentiert von T-online und der Metro!"
Ich bin glaub ich die einzige, die noch ein Plektron besitzt, die anderen müssen sich mit ihrer Metro-Card oder T-online-Telefonkarte behelfen. Wir müssen bei diesem Stück ja pizzikoto spielen. Mit Plektron (oder wahlweise Telefonkarte bzw Metro-Card).
Leo: "Geigen, geht das nicht lauter?"
"Das liegt daran, dass wir pizzikato spielen müssen. Pizzikato ist nun mal leise. Der Komponist hat das so gewollt..." Und eine Metro-Card ist auch nicht lauter als ein schwarzes Plektron.

Bei Sonne und Mond soll der Chor am Anfang ja grimmig gucken, wenn Gregor seine Show abzieht. Nun ist so ein Chor extrem schwer zu halten bei diesem Lied (und das grimmige Gesicht kam eher von der erstaunten Gegenseite), und die Bässe trauten sich was. Hatte nicht Leo noch am Anfang gesagt "Wir brauchen mehr Bässe?" Nun, da waren sie, die Bässe, unüberhörbar.

Christoph legte zwischendurch ein paar Schlagzeug-Sessions ein, genial (wenn er mal fehlt, haben wir alle ein Problem) - ich finde er könnte beim nächsten Konzert noch ein paar Einlagen machen.
Rolf tanzte nur auf dem Video, und mit dem Video ist es ja so. Da wir in jedem Fall passend zum Video spielen müssen, haben der Dirigent, also Leo, Michael am Keyboard und Christoph am Schlagzeug einen Click im Ohr. Das ist ein kleiner Kopfhörer mit entsprechend eingespieltem Rhythmus (inklusive aller Taktwechsel von 11/4-tel nach 5/4-tel und 2/2 oder _-tel...). Das Warten auf den Click ist spannend, kommt er oder kommt er nicht. Wenn der Click kommt, gibt Leo uns den Einsatz und dirigiert genau nach Click-Tempo. Dieses Mal kam aber kein Click (wenn schon so viele fehlten, warum sollte der Click nicht auch fehlen dürfen?), also mussten wir wohl oder übel ohne auskommen.

Vielleicht, weil wieder alles anders war, und ein paar entscheidende Leute fehlten, war gerade deshalb die Konzentration und der "wir-schaffen-das-Wille" unter den ADAMici besonders groß. Die Atmosphäre war wunderbar und die Texte sehr gut verständlich. Weniger ist manchmal mehr.