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Vivifica nos
Eine Textbetrachtung von Prof. Dr. Johanna Rahner

Mir gefallen die Texte, die sozusagen mit der Tür ins Haus fallen weniger, als die die das Ganze wirklich in der Schwebe lassen; das Ahnen ist mir hier lieber als das zu konkret Gewusste. Es scheint, als fehlte dem traditionell schon immer gewussten heute so etwas wie der Resonanzboden, was zu einer gewissen Verständnislosigkeit führt. Der zunehmende Verlust der Resonanzfähigkeit wird mir dort offensichtlich, wo die religiösen und die theologischen Begriffe uns – wie Bonhoeffer einmal formuliert hat – wie Pilze im Mund verfallen. Tatsächlich beobachte ich eine gewisse fehlende Eindrücklichkeit gerade bei jenen Texten, die sehr nah am Traditionellen und seinen geläufigen Floskeln sich bewegen. Insbesondere wenn sie mit einer gewissen affirmativen Emphase vorgetragen werden. Wenn man hier nicht nur noch leere Klischee produzieren und so "verkündigen" will, muss einem klar sein, dass man hier eine auch manchmal excludierend wirkende Fremdsprache, nämlich Kirchisch spricht. (...)

Der mancherorts anzutreffende Versuch, hier Liturgie als "Kontrasterlebnis" im Sinne einer Gegenwelt etablieren zu wollen, hieße nicht nur dasjenige als Lösung des Problems anzubieten, was uns die Misere im Prinzip erst eingebrockt hat. Eine solche Liturgie im Rückzug auf das Eigene mit der Etablierung einer kirchlichen Gegenwelt – Liturgie als Kontrasterlebnis, das Erhabenheit suggeriert â€“ würde letzlich doch nur wieder einen postmodernen Ästhetizismus und damit Bedürfnisbefriedigung dienen.  (...)

Wie knüpft man aber positiv an, ohne das, was ist, immer nur zu bestätigen? Wie holt man Leute mitunter aus der Trägheit der eigenen Selbstgewissheit heraus, ohne immer nur zu widersprechen? Vielleicht so, dass die eigenen Lücken im Dasein bewusst gemacht und nicht harmonisch zugekleistert werden. (...)

Der Text des Lieds "Vivifica nos" ist ein erfrischendes Beispiel für den Umgang mit der Tradition selbst. Er verbindet die Tradition der Pfingssequenz geschickt mit jener suchenden Sprachbewegung, die ihrerseits ein Signum der Moderne ist. Der Text nimmt dabei eine Spur auf, die gerade in der Pneumatologie immer schon ihren berechtigeten Platz hatte: Menschliches nach der Ansprechbarkeit für das ganz Andere auszuloten; Fragen wahrnehmen und nicht nur Antworten geben uvam.Vielleicht ist das auch der Grund, wieso heute pneumatisch angehauchte Texte mehr ansprechen, als explizit christologische.
Die Geisterfahrung als unspezifische und vielleicht auch bewusst offen gelassene und offen lassende, weil eben nur "mögliche" Gotteserfahrung entspricht den spätmodernen Suchbewegungen viel eher als christologische Realitäten, die dann auch noch mit einem starken Imperativ und etwas moralinsauer daherkommen.

 

Auszug aus einem Vortragsskript anlässlich der NGL-Fachtagung NGL 2010
Prof. Dr. Johanna Rahner 
Lehrstuhl für Dogmatik / Fakultät Kath. Theologie / Universität Bamberg