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Psalmensingen - immer wieder neu

Statement von Gregor Linßen

beim 2.Ökumenischen Kirchentag 2010
in der Veranstaltung Psalmen Singen - immer wieder neu
am 13.5.2010 in St. Bonifaz, München

Das Erzeugen des "Ich kann den Mund nicht halten"-Effekts
Wie kommen Menschen zum Singen?

Ich habe nach Konzerten folgende Reaktionen erlebt 

- "das Gehörte war so intensiv, dass ich nicht mitsingen wollte"
- "bei der ruhigen Atmosphäre habe ich mich nicht getraut mitzusingen"
- "Psalm singen ist langweilig"
- "die Texte sind so eindringlich, da kann man doch nicht tanzen".

Ich schließe aus diesen Aussagen, dass es drei Ebenen gibt, die stimmen müssen, damit Menschen zu singen beginnen:

1 Text 
2 in seiner musikalischen Form 
3 muss in einer gegebenen Umgebungssituation begeistern.

 

TEXT

An dieser Stelle haben viele Psalmen ein Problem. Sie sprechen zwar oft von einem dem Singenden zugewandten Gott, aber die Texte sind aus einem Kontext zu erschließen, der zum Einen nicht mehr in der Lebenserfahrung der Menschen ist (Stichwort "lenkender Gott") und zum Andern nicht mehr zum Gottesbild passt (Stichwort "strafender Gott"). Die Sprache der Bibel muss in die heutige Lebenswelt übertragen werden, damit sie verstanden werden kann.

 

Das Neue Geistliche Lied (NGL) hat die Chance, biblische Texte neu zu erschließen. Allerdings glückt dies selten auf der gleichen poetischen und kompositorischen Ebene. Wobei das kein NGL-spezifisches Manko ist. In diese Kritik schließe ich mich selbst ein.

Die Bibel und in ihr die Psalmen sind textliche Kompositionen, die mit und trotz ihrer doppelten Übersetzung (sprachlich ins Deutsche und kontextmäßig ins Heute) immer noch beeindrucken können, wenn die Singenden und Hörenden verstehen, was sie singen und hören.

Vorstellbar sind eine Kombination 

A von Psalmtexten und Neuen Geistlichen Liedern oder 
B von Prosatexten und gesungenen Psalmen.

Die Kombination C – die Gegenüberstellung von gesungenem Choral und gesungenem NGL ist auf hohem musikalischen Niveau von einer Gruppe kaum zu leisten. Dazu ist der Umgang mit den musikalischen Mitteln zu unterschiedlich.

Eine mögliche Lösung: zwei spezialisierten Chorgruppen, denen man anmerkt, dass sie sich schätzen, singen von ihrem Platz aus abwechselnd. Meistens fehlt es leider an der Freude und an der Offenheit bezüglich der Musik des anderen "Lagers". Sei es aus stilistischen, qualitativen oder persönlichen Gründen. 

MUSIK

In Neuss versuchen wir das angesprochen Modell mit dem CHORALCANTO. Der Name ist Programm. Ich kann das Wort lesen als CHORAL CANTO oder als CHOR AL CANTO. Wir – das sind Regionalkirchenmusiker für Neuss Michael Landsky, der Neusser Stadtjugendseelosorger Marcus Bussemer und ich.

Michael Landsky und ich bringen die Musik bei, Marcus Bussemer füttert uns bei den Konzert mit dem tieferen Verstehen der biblischen und liturgischen Hintergründe.

Dem Gregorianischen Choral wie auch meinen Lieder wird vorgeworfen, sie seien zu schwer, um sie selbst zu singen. Dem möchte ich widersprechen und die Aussage variieren: "Sie sind zu schwer, um sie vom Blatt zu singen." Das Schwere sind also nicht die Lieder selbst, sondern deren Vermittlung. Erst kommt das Üben, dann erst das Wiedererkennen und Wiedersingen. Mein Lieblingsargument für diese These ist das Lied "Menschen die ihr wart verloren" im  Kölner Gotteslob Lied 843. Ein musikalisch schweres Lied mit volksmusikalisch schier unmöglichen Intervallsprüngen. Aber dieses Lied singt der Kölner Dom zu Weihnachten mit Inbrunst und lauthals. Es ist quasi ins Blut übergegangen. Aber nicht weil, die Gemeinde es vom Blatt gesungen hat, sondern weil es durch Hören und Nachsingen seit Generationen verankert wurde.

Auch Gregorianischer Choral wurde ursprünglich mündlich vermittelt! Kein Mönch hat sich eine Chorpartitur gekauft und nach Noten gesungen. Die Fixierung in Neumen und Noten hat in dieser Hinsicht erst ein Problem geschaffen. Noten können auch Hemmschwelle sein. Und ob derjenige, der von Noten singt, doppelt betet? Er muss zumindest doppelt lesen: nämlich Text und Noten.

Wie muss ein Lied sein, damit eine Gemeinde es singt und gerne singt?

Hier komme ich nochmals auf die Chance zurück, die das NGL in sich trägt. Viele "Neue Geistliche Lieder" wählen den Weg der Volksmusik inklusive der Rockmusik des jugendlichen Kirchenvolks. Das meine ich in diesem Fall positiv. Einfache, gleichmäßige Versmaße und musikalisch einfache Schemata. Nach dem Gospelprinzip Vorsingen-Nachsingen ist die Hürde zum Mitsingen niedrig. Allerdings – die Grenze zur volkstümlichen Musik und somit zur Beliebigkeit ist nah.

Ich habe für mich beschlossen, nur das zu singen, was ich auch meine und wozu ich stehen kann. Bei der letzten NGL Fachtagung (einem jährlichen Zusammenkommen der NGL Kreativen) waren wir uns einig, dass der Liedtext ein Mindestmaß an literarischer Qualität erhalten muss. Zur Warnung bildete sich unter uns in diesem Jahr - quasi als Warnung -schließlich das Wort "kirchig". Irgendwie versteht man die Sprache, aber sie ist weder poetisch noch konkret.

Ich will diese Aussage ausdrücklich nicht verstanden wissen, als Argument gegen das Singen von einfachen Liedern im Gottesdienst und Konzert. Der gemeinschaftliche Aspekt wiegt sicher genauso viel wie der literarisch-musikalische !!! 

Der literarische Anspruch von Gospelmusik ist wirklich nicht hoch und dennoch hat Gospelmusik eine große Bedeutung für das Feiern bestimmter Gottesdienste. "Du hast mir deine Welt geschenkt" hat für eine bestimmt Zeit auch seinen Platz.  In Bezug auf den Sinn der Psalmen sollte das Augenmerk eines für die Liedauswahl verantwortlichen Kantors in jedem Fall zuerst der Inhalt in seiner textlichen Form sein. 

Ich bezeichne meinen Beruf als Sprachkomponist
Mein Anspruch an mich selbst: 

in den Liedern 
1 Worte – als Nahrung für den Geist – 
2 mit Musik
3 als Mittel zur Begeisterung – vereinen. 

Ich bin auf der Suche nach Etwas, was ich erlebt habe. Das Feiern von Gottesdienst in einer Intensität, die etwas hinterlässt. Ein "Sehnsuchtskorn". Ich habe einige dieser gottesdienstlich-musikalischen Momente erlebt und möchte sie wieder erleben. Eines der Körner ist in mir gekeimt. Wenn ich heute daran beteiligt sein kann, in andere Menschen Sehnsuchtskörner zu säen, dann erfülle ich meine, mir durch meine Begabung gestellte Aufgabe. 

 

Nehmen wir an, es gelingt mir nun als Sprachkünstler einen Psalm in literarisch ansprechender Weise in klassischem Versmaß zu übertragen. Dann bekommt der Komponist in mir ein Problem: Denn wahrscheinlich sind alle Melodien für regelmäßige Versmaße schon geschrieben. 

Das ist alles nur geklaut.  ....   Das ist alles gar nicht meines ....

Vielleicht stehen wir vor einer neuen Ära der neuen Texte auf alte Melodien. Die eignen sich durchaus für neue musikalische Bearbeitungen. Geschichtlich neu ist das nicht. Ein gutes Beispiel:  "Mein Gmüt ist mir verwirret" verarbeitet Bach zu "O Haupt voll Blut und Wunden" und Paul Simon zu "American Tune".

Aber das NEU im Neuen Geistlichen Lied sagt ja auch nicht aus, dass es geschichtlich neu sein muss, sondern dass wir in den Liedern miteinander immer wieder neu die Begeisterung für das Evangelium wecken. Psalmen singen immer wieder neu.
In dieser Tradition stehe ich.

Also gehe ich als Texter und Komponist einen anderen Weg. Ich versuche die Sprache selbst singen zu lassen und kümmere mich erst einmal nicht um das Versmaß. Ausnotiert kann das rhythmisch kompliziert werden. Rein sprachlich ist es aber im Grunde einfach. Und so vermittle ich das auch. Ich spreche erst mit meinen Chorgruppen.

Vor der Vermittlung steht aber noch der grundsätzliche Wille, etwas singen zu wollen. Frei nach Loirots Weihnachten bei Familie Hoppenstätt: "Dickie sagt jetzt ein Gedicht auf !" "Zicke zacke Hühnerkacke!" "Nein! Nicht das!"... 

Die erste Frage ist also nicht ein beleidigtes: "Warum singen die Menschen keine Psalmen mehr?" sondern ein nachdenkliches "Was fehlt, dass sie von sich aus singen wollen?"

Es geht hier - so habe ich die Fragestellung verstanden - um die Frage nach dem Verankern von Singen im Allgemeinen und dem Psalmensingen im Speziellen in einer singwilligen Gemeinde. Nur die Menschen, die ihre Zeit mit Singen verschwenden wollen, werden singen.

Unberücksichtigt bleibt die Frage des musikalischen Geschmacks. Denn es ist schwer sich frei zu machen von musikalischem Schubladendenken. Die einen gehen zur Matthäuspassion, andere Karfreitag um 15.00 Uhr zu Vivaldis Frühling (auch das gibt es!), wieder andere brauchen musikalischen Groove und Lautstärke, wieder andere leichte Unterhaltung. Ich möchte das nicht bewerten. Ich stelle das nur fest. 

Ich bin selbst nicht frei davon, obwohl doch die einzige Entscheidung zwischen guter und schlechter Musik getroffen werden kann. Aber was ist gut und was ist schlecht? Auch diese Frage müssen wir hier offen lassen.

Nehmen wir wieder an: da sitzt tatsächlich eine singwillige Gemeinde in den Bänken. Das ist bei thematischen Choralcanto-Konzerten durchaus der Fall. Allerdings erinnere ich mich an ein Konzert in Osnabrück, bei dem ich die Gemeinde begrüßen konnte mit den fröhlichen Worten "Wie schön, dass Sie zwei so zahlreich erschienen sind." 

Das, was wir tun, kann sich nicht an der Zahl derer definieren, die es hören wollen. Ein solches Konzert betrachte ich nicht als Konzert, sondern als Suche nach Begegnung mit einer anderen Ebene. Choralcanto versteht sich nicht als Dienstleister, sondern als Gottesdienstgemeinschaft. Das Konzert damals war ein schöner Gottesdienst.

 

Psalmensingen als Konzertveranstaltung taugt nicht

Psalmensingen ist Gebet. Es muss aus einem Bedürfnis zum Beten entstehen. Dieses Bedürfnis zur Kontaktaufnahme mit Gott kann nur dadurch geweckt werden, dass Menschen die sinnliche Erfahrung eines gelungenen Psalmensingens machen. Etwas, das bei Ihnen eine Sehnsucht nach Wiederholung hinterlässt und die Erfahrung: diese Zeit hat mir gut getan.

Es sind bisher TEXT - MUSIK und ZEIT als Parameter zur Erzeugung von Singwolllust genannt. 

Das vierte Parameter ist der RAUM.

Mit Freunden habe ich auf der Piazza San Marco in Venedig gestanden. Plötzlich umgibt uns in einer noch angenehm massiven Lautstärke die Michael-Jackson-Hymne "We are the world". Um uns herum waren auf allen Balustraden unsichtbar Lautsprecher verteilt und wir waren in den Testlauf einer riesigen Beschallungsanlage geraten. Das Klangerlebnis war derart intensiv, dass wir gestaunt, dann aber laut mit gesungen haben.

Was schließe ich daraus? 

Baut nicht nur passende Orgeln, sondern auch raum- und musiktaugliche Beschallunganlagen in die Kirchen. Was nutzt ein guter Text und dazu passende Musik, wenn sie nicht adäquat beim Mitfeiernden ankommt. Es geht hierbei um Klang im Zusammenspiel mit dem Raum, und erst in zweiter Linie um Lautstärke.

Ich lege in meinen Konzerten großen Wert auf klangvolle Übertragung von Sprache und Gesang. Eine Beschallungsanlage, die für klanglich adäquate Popmusik zwingend gebraucht wird, birgt die Gefahr, den Gemeindegesang zu überfahren. Ihre richtige Einstellung entscheidet darüber, ob die Veranstaltung Konzert oder Gottesdienst wird. 

Im Idealfall darf sie im Gottesdienst nur so laut sein, dass die Gemeinde gleichberechtigt mitsingen kann. Im NGL ist das eine Gradwanderung, denn die Musik soll dennoch nach Popmusik klingen. Mit den meisten bestehenden Kirchenanlagen ist das nicht möglich. Wenn schöne Töne durch Lautsprecherzeilen gequält werden, kann Musik nicht intuitiv wirken. Auf eine andere Art besteht die Gefahr auch in der Gregorianik. Die klangliche Intensität, die ein gregorianischer Gesang in einem geeigneten Kirchenraum entfalten kann, kann dazu führen, dass ich mich nicht traue selbst mitzusingen. 
(Dazu kommt, dass ich den Inhalt verstehen möchte, was oft schon am Latein scheitert.) Ich möchte hörend verstehen und dabei stört mich mein eigenes Singen. Akustische Schönheit kann einem in gewissen Sinn eben auch den Atem verschlagen. Hier könnte eine geeignete Beschallungsanlage durchaus helfen, wenn sie richtig eingesetzt wird. 

Mein Fazit

Gemeinsames Singen (nicht nur von Psalmen und Psalmverarbeitungen) wird überall dort möglich, wo 

A Sprache weder als "Herrenwissen" noch als "Passt irgendwie" eingesetzt wird

B Musikalische Offenheit in ihrer Vielfalt herrscht

C RAUM und ZEIT zu A und B  passt

 

Der Schlüssel zum "Sing-Wolllust" erzeugen ist das Säen von Sehnsuchtskörnern.

 

Gregor Linßen ist während des Vortrags vom verschriftlichten Statement abgewichen ohne die Grundaussagen zu verändern.