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NGL - etablierter Bestandteil der Kirchenmusik

Ein Diskussionsbeitrag von Gregor Linßen
bei der Tagung „Geistliches Lied und Kirchenlied interdisziplinär“ in Erfurt

 

Vorbemerkung
Dieser Beitrag wurde in der Retrospektive der Tagung verschriftlicht, vor allem, weil mir während der vorangehenden Vorträge bewusst wurde, dass mein Beitrag zum Thema anders als vorgesehen erfolgen musste: die von mir vorausgesetzte einheitliche Begrifflichkeit erwies sich als nicht vorhanden.
Weiterhin bin ich weder Kirchenmusiker noch Theologe, sondern von Beruf Toningenieur vor allem aber ein Liedermacher und praktizierender Musiker an der Schnittstelle von kirchlicher Jugend- und Musikkultur. Mein Erfahrungsfeld bezüglich des modernen Liturgiegesangs ist ausschließlich das Neue Geistliche Lied, im folgenden NGL genannt, aus praktischer Sicht.

Zum Begriff NGL
Zunächst lässt sich feststellen, dass „NGL“ ein konfessionell eher katholischer Begriff ist. In der evangelischen Kirchenmusik kommt der Begriff NGL als Bezeichnung des musikalischen Stils Peter Janssens vor, sonst wird aber auf evangelischer Seite versucht, ohne Oberbegriff das ganze Phänomen der Jugendmusik in seine stilistischen Bestandteile aufzuteilen (z.B. Sacro-Pop, Gospel-Rock usw.).
Neu war mir die Verwendung als Sammelbegriff der Wissenschaft für alle neu entstandene geistliche Musik seit 1960, einschließlich der Neuen Musik. Die im Beitrag von Britta Martini vorgestellte Einteilung von Matthias Nagel des Begriffes NGL in verschiedene Teilgebiete erscheint mir zwar weitestgehend zutreffend, sie darf aber nicht ohne den Zusammenhang mit der Jugendkultur bleiben. Denn im Vergleich zum „Neuen Kirchenlied“  – dazu zähle ich auch die in der Einteilung genannten „neuen Choräle“ hat das NGL meines Erachtens zunächst eine stärkere soziale als künstlerische Intention. Es benutzt die musikalischen Ausdrucksformen der Popularmusik. Darin enthalten ist  der starke Impuls zum gemeinsamen Singen in der auch außerhalb von Kirche praktizierten und konsumierten Art von Musik. Natürlich hat Popmusik auch mit musikalischer Qualität der Lieder und deren Ausführung zu tun, aber weil Popmusik im besten Sinne volksmusikalisch ist, hat die sozialen Komponente eine größere Gewichtung als bei der klassischen Musik.

Die Unterscheidungslinie zwischen NGL und Nicht-NGL sehe ich in der Verwurzelung der verwendeten textlichen und popmusikalischen Mittel in der Erlebniswelt der Jugend (Jugend zum Zeitpunkt des Entstehen des Liedes). Damit bleibt ein jazziges Lied aus den 1970er Jahren, das heute musikalisch-textlich „out“ ist, weiterhin ein NGL. Ist der Text auch in der Gegenwart „heutig“ ist es oft durch die Freiheit in der Ausführung möglich, das Lied durch ein entsprechendes Arrangement zu aktualisieren. Darüber hinaus gibt es Ausnahmen, wie die Gesänge aus Taizé, die eine starke Bedeutung für die geistliche Jugendkultur haben. Ein Ausschlussverfahren allein über den musikalischen Stil ist daher nicht möglich. Eindeutig kein NGL ist ein Lied in traditioneller Choralform.

Auch der von mir propagierte katholische Oberbegriff NGL ist eine dauerhafte Krücke. Er dient nur unzureichend der Charakterisierung. Ein besserer Name ist aber nicht in Sicht, weil sich die Vielschichtigkeit des NGL einer konkreteren Namensgebung entzieht. Der Name trifft zwar den Kern des Subjektes sehr gut, er würde aber ebenso gut zu den neuen Lieder der traditionellen Kirchenmusik passen.
Denn das Wort Neu bedeutet keineswegs neu entstanden oder frisch, sondern ist eine Anlehnung an den Begriff der biblischen Tradition des „Neuen Liedes“ (vgl. z.B. Kol 3,16 eine Aufforderung, Gottes Wort immer wieder neu zu verkünden). Neu war das NGL sicher in seinen Anfängen. Mit dem II. Vatikanischen Konzil waren die Möglichkeiten zu Neuem eröffnet. Diese Öffnung wirkte sich revolutionär aus. Sicher auch durch die gleichzeitig aufkommende Rockmusik. Rockmusik hatte immer einen revolutionären Ansatz. Sie passte somit sehr gut zur Umwälzung, die das Konzil ausgelöst hatte. Trotz der – zumindest aus heutiger Sicht – zum Teil mangelnden Qualität und dem kritischen Anspruch der Liedtexte und der mangelnden Textverständlichkeit von Rockmusik in Kirchenräumen, erreichte das NGL eine enorme Beteiligung der jüngeren Generation in der Kirche. Ende der 1980er Jahre hatte im Erzbistum Köln jede Gemeinde ihren Jugendchor! Die Gemeinden nahmen dieses Engagement sehr wohl war und erduldeten die dadurch entstehenden Probleme. Es war allerdings keine Akzeptanz, sondern eher ein taktierendes Zulassen.

Das Revolutionspotential des NGL
Als sich der Jugendchor, in dem ich als Jugendlicher sang, Anfang der 1980er eine Krypta für Taizégebete herrichtete – unsere Kirche hatte keine, also wurden von uns Teppiche an die Wände des Heizungskeller geschraubt – , streckte der Obermessdiener den Kopf aus dem Sakristeifenster und rief in befehlendem Ton: „Ruhe da unten! Der Pastor liest die Messe!“ Daraufhin setzte unsere Chorleiterin die Bohrmaschine an und dübelte mit großem Getöse die letzten Schrauben in die Wand. Danach waren wir natürlich still, wir waren ja dankbar um die Freiheiten, die wir hatten. Aber es zeigt doch den kindlichen Spaß am Austesten der Grenzen.
Die Texte der Lieder nahmen von Anfang an Bezug auf Themen, die noch heute moralische Sprengkraft besitzen. Die Auseinandersetzung mit der Befreiungstheologie Lateinamerikas, dem Nord-Süd-Konflikt, dem „Kalten Krieg“ – das NGL fand Worte. Damit diente es auch als Sprachrohr und Kundgebung. Kein Wunder, dass das Singen dieser Lieder zu Diskussionen bis hin zu Verboten führte. Die von vielen Traditionalisten als zu laut empfundene Musik wirkte dabei nicht gerade schlichtend. Der Klang wurde als Grund angeführt, warum Pop in der Kirche nicht tragbar sei. Dabei war der Klang der Aufführungen bis zum Ende der 70er Jahre noch nah an der stilistisch vergleichbaren Popularmusik. Die Wertschätzung des NGL seitens der traditionellen Kirchenmusik konnte aber zu dieser Zeit nicht entstehen und damit auch nicht die notwendigen technischen und musikalischen Vorraussetzungen zur Weiterentwicklung. Weiterbildungsmöglichkeiten in popmusikalischer oder beschallungstechnischer Hinsicht gab es nicht. Immerhin hatte unser Jugendchor einen ansässigen Radiohändler dazu bewegen können, ab und zu zwei Bose 802 in Wohnzimmerausführung (ein noch heute verwendeter, halbwegs geeigneter Beschallungslautsprecher) für den Gottesdienst zur Verfügung zu stellen. Die fehlende professionelle Betreuung wurde durch das Gruppengefühl im Chor und die positive Ausstrahlung auf die Gemeinde aufgefangen.
Als Ende der 80er Jahre die politische Ausrichtung der Texte zurückging und der Musikstil von großen Teilen der Bevölkerung akzeptiert war, ging der Reiz der Revolution weitgehend verloren und damit auch das besondere Interesse der „Jugend“. Je schneller sich die stilistische Entwicklung der weltlichen Popmusik vollzog, umso weiter musste das NGL hinter seinem Klangideal zurückbleiben. Beides hat dafür gesorgt, dass das NGL mit seinen Machern alt geworden zu sein scheint. Allerdings ist das Bedürfnis der Beteiligung bei der heute jungen Generation ungebrochen.
Anfang der 1990er Jahre war das NGL in der Tradition der Kirchenmusik angekommen. Die Kirchenmusiker wurden angehalten auch die Jugendchorarbeit – die bis dahin meist von ehrenamtlichen Popmusikern aus der Subkultur geleistet wurde – in ihren Gemeinden zu übernehmen Die Popmusik ist aus der Alltagskultur nicht mehr wegzudenken und hat damit einen berechtigten Platz auch im Gottesdienst. Das NGL trägt wesentlich zum modernen Gewand der Kirche bei.


Zur musikalischen Vielfalt des NGL
Verkünden heißt auf englisch „Gospel“, womit eine starke Wurzel des NGL benannt ist, deren Ziel vor allem eine Gemeindebeteiligung ist, die in den „Bauch“ geht, den Körper mit in das Lob Gottes miteinbezieht und so eine Form der gemeinsamen Ekstase erreicht. Zweifelhaft bleibt, ob ein Europäer diese Form der spirituellen Ekstase erreichen kann. Dennoch ist  der Gemeindebezug des Gospel das große Vorbild des NGL.
Übertragen auf die europäische Musiktradition bedient sich dafür das NGL der internationalen Popularmusik mit Rückgriffen in die dt. Volksliedtradition wie in den deutschen Schlager.


Das Problem „Danke“
Die evangelische Akademie Tutzing schrieb 1960 einen Wettbewerb für religiösen Schlager aus. Es gewann das Lied „Danke für diesen guten Morgen“. Dieses Lied war ein Katalysator für die Entstehung von kirchenmusikalischer Popmusik. Es wurde sogar in der Hitparade gespielt – ein Zeichen für die Nähe zum Ideal der damaligen Musikszene.
Allerdings wirkt es heute eher als Belastung der Fortentwicklung des NGL. Obwohl die religiösen Schlager der 1980er Jahre (Bruce Low in „Der große Preis“) aus der Sendelandschaft verschwunden sind, ist das Lied „Danke...“  eines der am meist bekannten Lieder in Deutschland geblieben, wird es doch nachwievor sowohl in weltlichen Kabarett-Sendungen zitiert (die Textzeile „Danke für meine Arbeitsstelle“ drängt sich geradezu auf!) wie auch in Gottesdiensten gesungen.
Aus außerkirchlichem Blickwinkel wird das NGL mit diesem Lied gleichgesetzt. Der textlich-spirituelle Inhalt ist aber für einen liturgischen Bezug recht dünn. Es war ja auch ein Wettbewerb für religiösen Schlager. Rundfunk-Redakteure würden folgerichtigerweise dem NGL höchstens einen Sendeplatz auf WDR 4, der Schlagerfrequenz des Westdeuschen Rundfunks einräumen.
Auf einen Großteil der entstehenden NGL trifft dieses Image zu. Weder Musik noch Texte haben selten den harten Charakter von Rockmusik, obwohl die in den 1960er Jahren aufkommende Rock- und Popmusik eine weitere Nährstoffzelle des NGL darstellte. Speziell die Texte der neu entstehenden NGL zeigen oft nur eine geringe eigene Kontur.
Textlich gilt dies auch für Gospel. Musikalisch erreichen diese aber – zumindest im Original – die gemeinschaftsstiftende Wirkung. Bei Gospelkonzerten vor deutschem Publikum bleibt diese allerdings häufig aus. In diesem Fall sind auch Gospel ähnlich wie die Schlager belang- und nachwirkungslos. Die Folge ist, dass außerkirchlich das NGL mit Schlager gleichgesetzt wird.
Dieses Image hat aber auch innerkirchlich eine prägende Wirkung. Der Schlager ist für die traditionelle Kirchenmusik nicht liturgiefähig, weil er textlich-musikalisch nicht tiefgründig genug ist. Der Schlager ist in der Popszene allenfalls nostalgiefähig, aber nicht wirklich ernst zu nehmen.
Innerkirchlich ist die Schlagerform des NGL unter gemeindesoziologischen Aspekten akzeptiert.  Gemeinsames Singen ist auf einfache Weise möglich und das ist gewollt. Lieder, dessen Texte ein Mit- und Nach-Denken erfordern, deren musikalische Anlage nicht belanglos ist und die somit unter dem Begriff Schlager falsch eingeordnet sind, haben es dagegen schwer, in der Vielzahl der entstehenden Lieder wahrgenommen zu werden. Dabei spielt auch die Kritiklosigkeit des gemeindlichen Einsatzes von NGL eine große Rolle. Ob es möglich ist, ein musikalische anspruchsvolleres Lied in einer Gemeinde zu etablieren, hängt stark vom Willen der Gemeindemitglieder ab.

Bewertungskriterien eines NGL
Eine große Stärke besitzt das NGL vor allem in der Beteiligung der Gemeinde an der Liturgie. Nach dem II. Vatikanischen Konzil eröffneten sich neue Möglichkeiten zur Gemeindebeteiligung. Die seinerzeit jüngere Generation wählte (auch) eine musikalische Form – das NGL.

Die Einordnung eines Liedes unter den Begriff NGL geschieht über zwei Kriterien.
1.     Nutzt das Lied die musikalischen und textlichen Mittel der Jugend-Musik-Kultur
    (zeitbezogen auf die Enstehung des Liedes)?
2.     Ist das Lied liturgisch geeignet?

Es gibt gute und schlechte Lieder – das ist eine alte Weisheit. Zur Bewertung stehen auch für die NGL die für jedes Lied gültigen Kriterien zur Verfügung, wobei sich allerdings bei der musikalischen Beurteilung eines NGL die Kriterien der Popmusik angelegt werden müssen.


Unter der Maßgabe die Lieder zu finden, bei denen es sich um mehr als nur religiöse Schlager handelt, ist das wichtigste Kriterium eines Liedes der Text. Meine These ist dabei, dass die mangelnde Qualität einer Großzahl der NGL auf  die Schnelligkeit ihres Entstehens zurückzuführen ist. Meine Erfahrung als Texter zeigt, dass Texte reifen müssen, dass einzelne Sätze oder gar einzelne Worte wieder und wieder hinterfragt werden müssen, bis der Gesamttext wirklich gut ist. Dies kann Monate dauern. Dass ein Liedtext in einer Stunde entsteht, ist eine selten glückliche Eingebung eines besonderen Augenblicks.
Ein Lied kann „per se“ seinen Sitz in einer Gemeinde haben, z.B. weil es das Gemeindemotto eines Pfarrfestes aufgreift oder einen anderen temporären Anlass hat. Weil aber heute jedes Lied sehr leicht halbwegs professionell aufgeschrieben werden kann und sich Papier auf wundersame Weise selbst kopiert, existieren eine ganze Menge von Liedern, deren Qualität einem Kriterienkatalog nicht standhält. Solange allerdings dem NGL der Ruf des Schlagers anhaftet, solange werden diese Lieder weiter entstehen und sich unbewertet verbreiten.

Auch mit Kriterien bleibt eine Bewertung letztlich in zweierlei Richtung subjektiv. Es gibt viele Menschen, die Schlager gerne mögen und praktizieren und denen schon der traditionelle Psalmgesang zu schwierig ist. Ebenso gibt es viele Menschen, die nur mit Bauchschmerzen einen Schlager mitsingen, weil ihnen dieser zu nichtssagend ist. Das Gleiche gilt für die Bedeutungstiefe von Texten. Die Einen verstehen die verwendeten hochtheologischen Bild im Liedtext nicht, die Anderen bringen Platitüden, möglicht noch rhythmisch falsch betont, nicht über die Lippen.


Die Wahl der Mittel
In meinen eigenen Liedtexten versuche ich, den Mittelweg zu finden. Zwingend notwendig sind theologische Richtigkeit und Stimmigkeit der verwendeter Metaphern. Sprachlich orientiere ich mich an meiner Alltagssprache. Kompositionsprinzip ist die musikalische Umsetzung in einen möglichst unveränderten Sprechrhythmus gegen einen geeigneten Groove. Die Sinn-Betonungen sollen erhalten bleiben, um sie auch in einer Melodie hörbar zu lassen. Die Art der verwendeten Sprache ist entscheidend für die Wahl der musikalischen Anlage. Harte Sprachbilder brauchen eine entsprechende inhaltliche und musikalische Härte. Lyrische Bilder brauchen dagegen das musikalische Gefühl von Weite.

    Sonne und Mond

1.    Ihr habt euch gut arrangiert mit den Mächtigen dieser Welt.
    Habt eure Schäfchen im Trockenen, nur wer gut betucht ist, zählt.
    Die Mächtigen werden euer Tuch schon in eurem Sinn verwalten.
    Hauptsache, ihr könnt in Ruh euern Fetzen Macht behalten.

Ref.    Doch vor Gott sind wir alle gleich
    ob Bauer, Bürger, Ritter, Baron,
    niemand ist größer als der Andere,
    nicht Papst, nicht Kaiser, nicht Sonne, nicht Mond.

2.    Ihr habt euch blind anvertraut den fünf Weisen dieser Welt.
    Habt ihnen den Verstand verkauft. Wie macht man aus Scheiße Geld?
    Nur nicht fragen, wie es den anderen geht.
    Die Menschen leben halt anders in anderen Ländern.
    Hauptsache, sie bleiben dort. Da soll sich nichts dran ändern.

3.    Ihr wähnt euch in guten Händen bei den Wissenden dieser Welt.
    Ein Menschenleben in zwölf Bänden. Gelobt ist, was am Leben hält.
    Die Wissenden werden eure Zeit schon wunschgemäß verlängern.
    Alles zur vollsten Zufriedenheit. So soll’n Lieder enden!

     aus  ADAM – Die Suche nach dem Menschen
    NGL-Oratorium von Gregor Linßen
   

Das Lied „Sonne und Mond“ steht in der Tradition der religiösen Protestlieder. Auch ohne den Entstehungshintergrund erschließt sich der Text über die bekannten harten Bildern der Umgangssprache. Die drei Strophen haben drei Versuchungen des Lebens zum Thema: Macht, Geld und Wissen. Der Refrain stellt dagegen, dass diese drei Kräfte vor Gott unwirksam sind. Die aus der Umgangssprache entliehenen Sprachbilder sind bewusst eingesetzt, um die Härte der Aussage zu verstärken.
    Macht - Schäfchen im Trockenen - der Fetzen Macht haben
    Geld - die fünf (Wirtschafts-)Weisen - aus Scheiße Geld machen
    Wissen - zwölf Bände - zur vollsten Zufriedenheit

Einzig im Refrain taucht ein Bilderpaar auf, das zumindest ein Nachdenken erfordert. Sonne und Mond erscheinen einem Kind gleich groß. Abgesehen davon, dass nicht die physikalische Größe gemeint ist, kann ein Leser auch auf den Zusammenhang stoßen, dass Sonne und Mond im Mittelalter Machtsymbole von Papst bzw. Kaiser waren. Ich versuche, in meinen Texten Platz für Entdeckungen und Deutungen zu lassen und dennoch möglichst konkrete Aussagen zu machen. Die Musik entstand entsprechend der harten Sprache als treibender Rock ‘n Roll.

Der Epilog des Stückes im Zusammenhang des Oratoriums  (Franz von Assisi sagt sich von seinem Vater los) erscheint nach dem Rock ‘n Roll plötzlich als Ballade. Der Text zwingt zu einer Änderung des musikalischen Gefühls:

Epilog        Jeder ist genauso Schmied am Glück dieser Erde wie er auch der Henker ist
        und den Strick legt um Gottes Erbe.
        Gott im Himmel ist mir Vater, ist mir Mutter, Bruder, Freund.
        Nur im Klang seiner Worte will ich suchen, was ER meint.

War ohne den Epilog das Lied „Sonne und Mond“ noch gemeindefähig, so wird mit dem Epilog eine neues Element eingefügt, das von einer Gemeinde nicht mehr aktiv singend mitvollzogen werden kann. Im Oratorium ist das auch gewollt. In einem Gottesdienst ist der Epilog aus musikalischen Gründen problematisch. Auch ohne ihn bleibt es ein in sich geschlossenes Lied, dessen frohmachende Botschaft – „Vor Gott sind wir alle gleich“ – in einem groovenden Rock ‘n Roll durch  den Kirchenraum fegen soll.

Ein Schwachpunkt vieler NGL ist die unsensible Wahl der musikalischen Mittel. Wegen seiner fehlenden Kontur scheint dabei schlagerhafte Musik als unproblematische Wahl. Wenn jedoch dabei eine Beliebigkeit der Musik in Bezug auf den Text entsteht, hat dies allenfalls für die Mitsingbarkeit einen positiven Effekt. Zur Güte des Liedes trägt es nichts bei. Mitunter kommt dann dem Arrangement und der Ausführung eine große Bedeutung zu.
Ein guter Text spricht zunächst für sich. Wie er vorgetragen wird, ist eine zweite Frage, wie der Text zum Zuhörenden/Mitsingenden kommt, eine dritte.

Das Problem des Popgesangs
 Weil Popmusik stark rhythmusbasiert ist, hat das Singen von Popmusik im Vergleich zum klassischen Gesang einen anderen Stimmansatz. Die Vokale treten zugunsten der rhythmusgebenden Konsonanten zurück. Ihren Klang müssen sie also sehr schnell entwickeln. Dabei wird ein entsprechend harter Vokalansatz (bei Silben mit Vokalanfang nur mit Glottisschlag zu realisieren) benötigt. Bei schnelleren Silbenfolgen (-> Ich lobe meinen Gott) nimmt die Intensität sofort schnell ab. Diese Intensitätskurve ähnelt der eines Perkussionsinstrumentes. Ich spreche deshalb von „perkussivem Singen“. Der Effekt ist eine Betonung des Rhythmus’ der Sprache bis hin zum Wirkung als Vokalperkussion. Problematisch ist, dass die höhere Schallenergie der Vokale kaum genutzt wird. Der Gesang kann sich nicht ohne Hilfsmittel gegen lautes Instrumentarium (Schlagzeug) durchsetzen. Sologesang hat in der Popmusik von Anfang an Gesangsmikrofone genutzt. Bei der Begleitung kleiner Gruppen mit akustischer Gitarre, Keyboard und Perkussion (z.B. Shaker) reicht die Lautstärke aber aus.

Das Problem „Schlagzeug in der Kirche“
Als Toningenieur weiß ich heute, was wir in unserem damaligen Jugendchor alles falsch gemacht haben. Die technische Ausstattung der Jugendchöre und Bands und das Knowhow im Umgang mit derselben sind nach wie vor derart, dass eine professionelle Aufführung von Popularmusik in Kirchen nur sehr selten möglich wird. Sie ist aber notwendig, um die oben angesprochenen Probleme der Textverständlichkeit in den oft überakustischen Kirchenräumen in den Griff zu bekommen. Das gilt natürlich für jede Art von Musik in Kirchen. Beim Wallfahrtslied „Wir haben seinen Stern gesehen“ zum Domjubiläum 1998 im Kölner Dom scheiterte das gemeinsame Singen an der freien „1“ und der nachfolgenden Achtelkette des Refrains. Ein kollektives Fühlen des Pulses war ohne massiven, perkussiven Einsatz nicht möglich. Die Textverständlichkeit und die Möglichkeit eines gemeinsamen Musizierens mit der Gemeinde nimmt mit der Größe des verwendeten Klangapparates und der Halligkeit des Kirchenraumes rapide ab. Für die Rock- und Popmusik bedeutet das, dass entweder der Beschallungsaufwand erhöht oder die Klangerwartung vermindert bzw. die Spielweise verändert wird. Letzteres betrifft vor allem Schlagzeuger und Bassisten. Wer an dieser Stelle die Lautstärke von Rockmusik anführt, dem sei die Überprüfung an einem traditionellen Musikstück ans Herz gelegt: ab der zehnten Bankreihe weicht die Sprachverständlichkeit einem mehr oder minder angenehmen Klangbrei. Jede gesungene Musik, die einen Anspruch auf Textverständlichkeit hat, kann von den Fortschritten in der Beschallungstechnik profitieren, abgesehen davon, dass die Sprecher klanglich nicht mehr „wie durch’s Telefon“ klingen müssen. Die Lösung wären musiktaugliche Kirchenbeschallungsanlagen und ein professioneller Umgang damit. Aber bei der Haushaltslage der Kirchen dürfte dies ein Wunschtraum bleiben.


Popmusikalische Kriterien in Bezug auf ein Gesangbuch
Mein erstes Praktikum in Rahmen des Studium zum Toningenieur absolvierte ich in einem Tonstudio, in dem neue Lieder arrangiert und eingespielt wurden. Auf meine Frage nach der Wahl der Akkorde wurde mir beigebracht: „Zu viele Akkorde verkaufen sich schlecht, bloß nicht zu jazzig  oder kompliziert werden“. Das Text-Musikverhältnis war relativ egal.

Auch wenn ich diesem Ansatz in meinen Liedern nicht folgen mag, so wirft die Aussage doch ein Licht auf die nötige Einfachheit der Musik zur Erreichung einer Massenkompatibilität.
Die Lieder in einem Gesangbuch müssen zum Großteil gemeindekompatibel sein. Musikalisch anspruchsvolle oder schwierige Lieder müssen sich mindestens über Zuhören-Nachsingen erschließen lassen. Das gilt  auch, wenn es einen einfach zu singenden Refrainteil gibt. Lieder mit Vorsängerteil sind möglich, sollten aber nicht die Regel sein.  Das erwähnte Lied „Sonne und Mond“ ist wegen seiner solistischen Strophenanlage deshalb kaum geeignet. Durchkomponierte Lieder sind wegen ihres großen Platzbedarfs nur in Ausnahmefällen sinnvoll. Reine Vortragslieder sind in einem Gesangsbuch unsinnig.

Im Folgenden sind einige der für die Tagung ausgesuchten Lieder bezüglich ihrer Tauglichkeit für ein Gesangbuch aufgeführt. Ich beschränke mich dabei auf die Lieder, die ich nach meiner Definition als „echte“ NGL ansehe. Anzumerken bleibt an dieser Stelle nochmals, dass die Grenze zwischen „neuem Kirchenlied“ und „Neuem Geistlichen Lied“ fließend ist.
Auf Lieder, deren Texte nicht diskutabel sind, weil sie theologisch falsch oder begrifflich nicht nachvollziehbar sind, gehe ich nicht ein.
Die Lieder, die melodisch leicht nachzusingen sind und deren Text ohne eigenes Nachdenken verstanden wird, sind uneingeschränkt gemeindekompatibel, z.B.:

    Liebe ist nicht nur ein Wort
   
    Liebe ist nicht nur ein Wort,             
    Liebe das sind Worte und Taten. 
    Als Zeichen der Liebe ist Jesus geboren, 
    als Zeichen der Liebe für diese Welt.

    Freiheit ist nicht nur ein Wort,    
    Freiheit das sind Worte und Taten.
    als Zeichen der Freiheit ist Jesus gestorben,
    als Zeichen der Freiheit für diese Welt.

    Hoffnung ist nicht nur ein Wort,
    Hoffnung das sind Worte und Taten.
    Als Zeichen der Hoffnung ist Jesus lebendig,
    als Zeichen der Hoffnung für diese Welt.

Der Text ist zunächst dreiteilig angelegt, frei nach dem Credo „Jesus ist für uns geboren, gestorben und vom Tod auferstanden“. Den drei Teilen werden die menschlichen Grundbedürfnisse Liebe, Freiheit, Hoffnung zugeordnet. Es entstehen Glaubensaussagen, die ein Singender sofort nachvollziehen kann. Wegen seines reibungslosen Textes und der einfachen Musik wirkt dieses Lied schlagerhaft. Aufgrund seiner Einfachheit und Stimmigkeit hat sich das Lied weit verbreitet.

Generell ähneln Rockballaden den Schlagern. Sie besitzen aber einen schwereren Groove. Musikalisch wirken sie anspruchsvoller, nutzen sie doch auch kompliziertere Akkorde. Dennoch sind die Melodien einprägsam und leicht singbar. Ist dann noch der Text aussagekräftig, entsteht ein für ein Gesangbuch sehr gut geeignetes Lied. Mittels des perkussiven Singens kann auch ohne Einsatz eines Schlagzeuges der Rhythmus verstärkt werden.
-> Keinen Tag soll es geben
-> Wohl dem, der Freude hat

Auch schnellere Rockrhythmen ohne Synkopen (Beat) sowie deren Jazzvarianten (Swing) sind ohne Einschränkung gemeindekompatibel.
-> Ich lobe meinen Gott
-> Manchmal feiern wir mitten am Tag

Folkloristische Lieder anderer Länder haben ebenso meist eine gleichmäßige rhythmische Struktur. Sie bedürfen allerdings einer stilimmanenten Begleitung, damit sie musikalisch-textlich glaubhaft bleiben. Diese Forderung macht sie für ein Gesangbuch ungeeignet.
-> Yo tengo fe

Lieder mit schnelleren Rockrhythmen besitzen oft Synkopen oder Synkopenketten. Diese in den nachträglich fixierten Noten kompliziert aussehende Rhythmen sind aus dem Rhythmusgefühl der Solosänger der Popmusik entstanden, die damit ein rhythmisches Gleichgewicht zum gleichmäßigen Beat der Band schaffen. Der Klang ähnelt weitestgehend dem Mainstream der Popmusik.
Wegen ihres Notenbildes sind sie aber nicht mehr ohne Weiteres gemeindekompatibel. Sie erschließen sich am besten über Vorsingen-Nachsingen. Der Rhythmus der Melodie folgt oft dem der gesprochenen Sprache. Dadurch werden die Textaussagen im Singen unterstützt.
Die Ausbildung der Kirchenmusiker in popmusikalischen Stilen ist jedoch noch nicht verbindlich in den Lehrplänen der Studiengänge enthalten. Somit kann ein stilimmanentes Vermitteln (noch) nicht vorausgesetzt werden. Hier sind die Ausbildungsstätten gefordert.
Solange dieses Manko besteht, stehen die Lieder in Gefahr, von einer Gemeinde „zurechtgesungen“ zu werden.
-> Eingeladen zum Fest des Glaubens
-> Tausend Jahre wie ein Tag
Lieder, die einen hohen Anspruch im melodisch-harmonischen Bereich der Musik haben, sind über das Notenbild noch weniger zu vermitteln, als die mit schwierigen rhythmischen Passagen im Notenbild.

    Eine Streu aus Stroh

    Eine Streu aus Stroh,
    eine Wand aus Wind,
    eine Woge als Wiege,
    ein Kind.

    Ein Schwamm voll Essig,
    eine Kammer voll Gas,
    eine Waage am Wege,
    eine Grube im Gras

    Eine Gasse voll Dirnen,
    eine Gosse voll Wut,
    eine Stirne voll Dornen,
    eine Mutter voll Blut.

    Eine Streu aus Stroh,
    eine Wand aus Wind,
    eine Woge als Wiege,
    ein Kind.

Sowohl vom Text alsauch von der Musik ist bedarf dieses Lied der intensiven Beschäftigung des Singenden. Die wenigsten werden es sich ohne musikalische Begleitung erarbeiten können. Somit ist die Hemmschwelle zu singen für ein durchschnittlich begabtes Gemeindemitglied relativ hoch. Eine gute musikalische Begleitung kann dies aber ermöglichen. Der meditative Klang und das ruhige Metrum entspricht dem Text, so dass der Singende gleichsam aufgefordert wird, sich über den Text Gedanken zu machen. Die stete Modulation hinterlässt ein Wundern.
Im Gegensatz zum Lied „Liebe ist nur ein Wort“ ist das gleiche Thema „Jesus ist geboren und gestorben“ textlich viel stärker verschlüsselt. An einigen Stellen bleiben mir die Bilder allerdings auch nach längerem Nachdenken so fremd, dass ich keinen eigenen Zugang finde. Dies wäre ein Kriterium, um es als ungeeignet für ein Gesangbuch  einzuschätzen.



Fazit
Bei der Auswahl von Liedern für ein Gesangbuch ist für mich der Text das Erstkriterium. Das gilt für alle Lieder, speziell aber bei Neuen Geistlichen Liedern. Ist ein Liedtext wahr, nachvollziehbar und gibt er genügend Sinntiefe, ist die musikalische Umsetzung im Zusammenhang mit dem Einsatzziel zu betrachten. Schlagerartige Lieder sind leicht einsetzbar und befriedigen im Wesentlichen den gemeinschaftlichen Aspekt des Singens. Musikalisch schwierigere Stile erlauben ein stärker textunterstützendes Singen. Sie bedürfen einer Auseinandersetzung seitens des Singenden, können damit auch tieferes Verstehen ermöglichen. Das spricht durchaus für diese Lieder. Im Einzelfall ist aber abzuschätzen, ob der Schwierigkeitsgrad eine zu große Hemmschwelle für das Mitsingen erzeugt.