Untermenue von: Gregor Linßen
- 1: Gregor Linssen.
- 2: NGL Artikel.
- 2.1: Psalmen Singen - immer wieder neu (ÖKT).
- 2.2: Das Konzept eines Barden.
- 2.3: Funktion und Selbstverständnis des NGL.
- 2.4: Die Suche nach dem Richtig, Wichtig, Gut.
- 2.5: ADAM.
- 2.6: Unser Ja sei ein Ja.
- 2.7: Musikalische Zugänge.
- 2.8: NGL - etablierter Bestandteil der Kirchenmusik.
- 2.9: Liedbetrachtungen.
- 3: Konzertbuchung.
- 4: Workshops.
- 5: Beratung.
- 6: Choralcanto.
- 7: Junge Kirche Neuss.
- 8: Junge Kirche Düsseldorf.
Musik - ein Zugang zur Bibel
Skript zum Vortrag von Gregor Linßen
vom 19.9.1998 im Maternushaus, Köln
Als Liedermacher von geistlichen Liedern habe ich das Thema »Musikalische Zugänge zur Bibel« als Grundlage meines Schaffens.
Mein Anliegen ist es, die Frohe Botschaft, und somit auch die Bibel zu Gehör zu bringen und zwar mit den Mittel der Musik.
Zunächst zur Musik selbst:
Musik ist ein Phänomen. Also etwas, das sich den Sinnen zeigt, ohne dass es physisch zu begreifen wäre. Der französische Mathematiker und Musikphilosoph Ernest Ansermet schreibt:
»Wenn wir untersuchen wollen, was die Musik ist, so müssen wir uns unter ihr ein Erlebnis vorstellen.« Der musikalische Akt, durch den eine Folge von Tönen zur Melodie, ein gleichzeitiges Erklingen von Tönen zur Harmonie und eine Anordnung von Zeitwerten zum Rhythmus wird, entgeht dabei jeder Reflexion.
Sicher. Ich kann ein Musikstück so gut kennen, dass ich weiß, was kommt. Der Komponist hat es ja so festgelegt. Aber es gibt keine absoluten Regeln, die es erlauben, im vorraus zu wissen, was ein Komponist schreiben wird. Dabei sind in unserer abendländischen Mainstream-Musikkultur die Möglichkeiten schon auf Dur, moll und ein paar Kirchentonarten begrenzt. Musik aus anderen Kulturkreisen wird als fremd, wenn nicht gar als falsch empfunden. Es fallen Äußerungen wie: "Das ist keine Musik". Abgesehen davon, dass diese Haltung ziemlich arrogant ist, wird die musikalische Vielfalt in starkem Maß eingeschränkt. Offenbar ist es schwer, musikalische Vielfalt in ihrer Unbegrenztheit zu ertragen. Es stellt sich eine Geschmacksbildung ein, die vorallem von musikalischer Tradition bestimmt ist. Die Auseinandersetzung mit anderen Traditionen wurde uns erst spät, durch die Globalisierung unserer täglichen Wahrnehmung aufgedrängt. Wenn in der Vergangenheit Komponisten musikalische Elemente anderer Kulturen in ihre Kompositionen eingearbeitet haben, dann bekam der gemeine Hörer – wenn überhaupt – diese Elemente in einer verarbeiteten Form zu Gehör. Der Fremdheitsgrad war dann nicht mehr der, den die Originalmusik gehabt haben muß. Erinnert sei beispielsweise an die ungarischen Tänze von Brahms. Heute kommt die Musik anderer Traditionen ungefiltert an unser mitteleuropäisches Ohr. Durch Radio, Fernsehen und Internet, aber auch durch schnelle Reiseverbindungen wie das Flugzeug, entfällt der natürliche Filter der räumlichen Entfernung. Ein Aufeinanderprallen der Kulturen ist die Folge. In diesem Moment sollte Musik in ihrer Vielfalt begriffen werden und unbewertet bleiben.
Das Erleben von Musik ist und bleibt unlösbar mit dem Menschen verbunden, der es erlebt. Insofern erzeugt das Hören von Musik eine subjektiv angenehmere oder unangenehmere Empfindung, die dann subjektiv bewertet wird.
Ich erinnere mich an eine Reise nach Kurdistan, bei dem unser Busfahrer ständig Cassetten mit türkischer Popmusik hörte – welche Qualen für unsere Ohren. Aber natürlich war es Musik.
Ein anderes Erlebnis: ein Früh-Morgengottesdienst in einem syrisch-orthodoxen Kloster. Fanatikern der Bach'schen Harmonielehre würde der Taktstock verbiegen: lauter Quintparallelen. Aber am Abend zuvor hatten wir schon mit den Menschen zusammengesessen und uns Lieder aus unseren verschiedenen Kulturen vorgesungen. So waren wir darauf vorbereitet und haben die Kunstfertigkeit dieses Gesangs schätzen gelernt.
Was ich damit sagen will:
Die Empfindung von Musik ist immer an die Offenheit gekoppelt, mit der ich der Musik begegne, und zwar jedesmal neu. Genauso wie ich offen sein muß, wenn ich einem anderen Menschen zuhören will. Sonst werde ich zwar seine Worte hören, sie aber nicht verstehen.
Erst der zweite Schritt ist eine subjektive Bewertung.
Dies gilt für wirklich fremdartige Musik, aber auch für jegliche Musik, die wir schonmal gehört haben, sei es Avantgarde, Neue Musik, Jazz bishin zu Pop, Rock, Techno, aber auch bis zur Gregorianik.
Was den Inhalt der Musik betrifft, so möchte ich 5 Kategorien unterscheiden.
1. Musik, die nur für sich existiert, ohne dass man ihr einen Sinn geben kann.
Also – L'art pour l'art? – Kunst um der Kunst Willen.
2. Musik, die für einen bestimmten Zweck geschrieben ist,
zum Beispiel eine Ouvertüre, die die musikalischen Motive aus dem folgenden
Werk vorstellen soll.
3. Musik, die Atmospäre erzeugen soll,
beispielsweise die Musik zum Einzug des Königs,
4. Musik, die ohne Worte die Vorstellung eines Bildes oder einer Geschichte
beschreibt, deren Inhalt der Hörer kennt.
5. Musik, deren Aufgabe die atmosphärische Unterstützung
eines wörtlich vorgetragenen Inhalts ist, also ein Lied.
Die ersten zwei Arten von Musik sind in dieser Betrachtung nicht relevant.
Die Aufgabe von Musik, eine Atmosphäre zu schaffen, die die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Punkt lenkt, gehört schon eher zum Thema.
Also zu 3.)
Das Manko, dass sich Musik letztendlich der Verstandesebene entzieht, ist hier von Vorteil. Denn Musik hat dadurch einen direkten Zugang zum Gefühl. Das haben auch unsere Marktstrategen erkannt und deshalb werden wir überall in den Kaufhäusern mit Musik berieselt. Was das genau bewirken soll, weiß ich auch nicht, aber es soll mir ja auch nicht bewußt werden.
Der bewußte Einsatz von Musik kann zum Beispiel bewirken, dass der Zuhörer den Hals reckt, um zu sehen, was jetzt passiert. Oder – geeignete Musik kann eine Atmospäre gezielt beruhigen. Allerdings muß sich derjenige, der die Musik macht, der Aufgabe genau bewußt sein. Musik nur zur Untermalung oder zur Überdeckung des Klingelbeutels kann und wird – wenn überhaupt – negativ wirken. Manchmal ist Stille die geeignetere Musik.
Einen bestimmten Inhalt hat diese Art von Musik noch nicht.
zu 4.) Musik, die ohne Worte die Vorstellung eines Bildes oder einer Geschichte beschreibt, deren Inhalt der Hörer kennt.
Musik einen Inhalt ohne Worte übertragen kann, steht für mich außer Frage. Aber im Vergleich zu Worten, hat bei Musik die Phantasie bei der Ausdeutung des Inhalts einen größeren Spielraum. Worte legen den Inhalt weitestgehend fest. Man kann vielleicht noch etwas zwischen den Zeilen lesen, etwas, was nicht eindeutig gesagt war. Bei Musik ist es genau andersrum: nur etwas, was vorher eindeutig als Inhalt bekannt war, kann von allen gleich verstanden werden. Alles andere ist dem Vorstellungsvermögen des Hörers überlassen. Musik bietet wunderbare Möglichkeiten einen Text lebendig werden zu lassen. Die Kombination aus Text und Musik in der Form, ein Text vorzulesen und eine Musik erklingt dazu, kann Worte und Geschichten plastisch machen.
Ein Beispiel ? Peter und der Wolf.
Der Text :
Peter ist auf die große Wiese vor dem Haus gegangen. Auf einem hohen Baum sitzt sein Freund, der Vogel. ?Wie still und friedlich es ist?, zwitschert er fröhlich.
Dieser Text ist jetzt nicht die große literarische Offenbarung, aber wer sich darauf einlässt, erfährt eine Ausweitung, durch die Umschreibung mit Musik.
Nun ? Peter und der Wolf ist wohl eher nicht-biblisch. Ich weiß auch nicht, aus welcher apokryphen Quelle Prokoffiev diesen Text hat. Aber die Wirkung ist doch verblüffend, wie die wenigen Worte durch die Musik in der Vorstellung lebendig werden.
Diese Wirkung hat auch ihre Grenzen. Je mehr Worte den Inhalt beschreiben, desto weniger Platz ist für die Phantasie und desto schwieriger ist es, Musik zum Inhalt zu entwickeln oder zu improvisieren. Programmusik, wie diese Form der Musik bezeichnet wird, lebt also auch von der Freiheit, die ihr noch zur Interpretation der Worte gegeben ist. Wenn zu den Grenzen, die die Worte ziehen, auch noch die musikalisch-formalen Grenzen gezogen werden, wird eine musikalische Ausdeutung fast unmöglich.
Dennoch kann die musikalische Arbeit an weitgehend festlegenden Texten immer noch sinnvoll sein. Ich denke z.B. an vergangene Schulendtage, bei denen mit einer Gruppe von Schülern die Geschichte von Hiob musikalisch erarbeitet wurde. Am Anfang stand die Geschichte, deren Inhalt die Schüler im Religionsuntericht durchgenommen hatten. Der erste Schritt war dann, Abschnitte in Bezug auf die in der Geschichte enthaltenen Stimmungen zu bilden, um im zweiten Schritt diese Stimmungen in Musik auszudrücken. Das Ergebnis hätte kompositorischen Kriterien wohl kaum standgehalten. Aber die Schüler mußten sich in Hiob hineindenken, wie es ihm wohl gegangen sein mag. Ein Mensch, der mit Wohlstand und Glück gesegnet alles verliert. Und mehr noch: sie mußten es in ihrer Musik nachempfinden. Sie wählten beispielsweise als musikalisches Thema für die glückliche Stimmung das Lied What a wonderful world. Dieses ruhige und sanfte Lied wurde dann immer wieder von bedrohlicher Musik unterbrochen. Die Schüler äußerten sich später dazu, dass sie es als brutal empfunden haben, das Lied in seiner Schönheit so zu stören. Ich glaube, dass sie sich in ein paar Jahren eher durch die Musik an den Inhalt der Hiob-Geschichte erinnern werden, als durch die textliche Erarbeitung. Das ist auch ein Wert eines musikalischen Zugangs zu einem Text, in diesem Fall zu einem Bibeltext.
zu 5.) Musik, deren Aufgabe die atmosphärische Unterstützung
eines wörtlich vorgetragenen Inhalts ist, also ein Lied.
Die Musik hat hier nicht mehr die Aufgabe den Inhalt zu transportieren, sondern die Worte zu unterstützen oder zumindest die Grundstimmung des Textes zu verstärken. Lieder können an dieser Aufgabe auch scheitern. Die Grundstimmung der Musik muß mit der des Textes übereinstimmen. Die Musik eines traurigen Liedtextes kann beispielsweise kein hektisches Tempo haben. Demnach wird man in der Technomusic sicherlich nur wenige trauernde Texte finden. Dieses Lebensgefühl kommt in den Inhalten dieser Musik wahrscheinlich selten vor. Zumindest ist mir kein Stück bekannt.
Daraus zu schließen, dass diese Musik absolut nicht geeignet ist, irgendetwas auszudrücken, wäre aber falsch. Auch wenn ich subjektiv diese Musik nicht mag, so kann ich mir durchaus vorstellen, dass Elemente davon sinnvoll eingesetzt werden können.
Für mich steht beim Lied der Text im Vordergrund. Ein Grundsatz, der schon für die Gregorianik galt. Allerdings schöpft die Gregorianik in ihrer Schlichtheit bewußt nur einen kleinen Teil der musikalischen Vielfalt aus. Damit entgeht sie von vornherein der Gefahr, dass sich die Musik über den Text legt, statt ihn zu unterstützen.
Dies ist auch das Kriterium, das an ein Lied zur liturgischen Verwendung gelegt werden soll.
"... so schwanke ich denn hin und her, bald die Gefahr der Ergötzung bedenkend, bald die selbst erfahrene Ersprießlichkeit; mehr aber neige ich dazu ? den herkömmlichen Gesang der Kirche zu billigen in der Meinung, dass durch die Freude, welche die Ohren empfinden, schwächere Gemüter zu frommen Empfindungen angeregt werden können. Trotzdem bekenne ich, dass ich ? Strafe verdiene, wenn mich, wie es je geschehen mag, mehr der Gesang bewegt als die Sache, welcher der Gesang gilt."
Augustinus
Drei Punkte aus diesem Zitat erscheinen mir wichtig.
1. Die Freude, die die Ohren empfinden
2. die Möglichkeit, schwächere Gemüter zu erreichen
3. die Gefahr, dass über die Musik der Inhalt in den Hintergrund gedrängt wird.
Zuerst mal zur Gefahr.
Dieser Gefahr ist ein Lied, egal welcher Epoche, ausgesetzt.
Wie oft wird ein unbekanntes Gottesloblied an den Noten klebend gesungen,
und ein bekanntes, geschmettert - der Text wird schon für meine Lebenssituation in Ordnung sein und außerdem singt mein Nachbar ja auch mit - oder auch nicht.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Chance von Musik - dass der Mitsingende über die Gebete hinaus noch stärker Teil des Gottesdienstes wird, dass diese Chance nicht wahrgenommen wird.
Allerdings entsteht die angesprochene Gefahr auch aus dieser Chance. Ein Lied soll vorallem für eine Gemeinde singbar sein. Melodie und Rhythmus sollen dementsprechend einfach sein Ein zweischneidiges Schwert. Ist das Lied zu kompliziert, singt keiner mit. Ist das Lied zum Gassenhauer angelegt, wird die Melodie leicht zum Selbstläufer. Eine Melodie muss also umso mehr den Textinhalt spiegeln, je eingängiger sie ist. Z.B. "Von guten Mächten wunderbar geborgen" in der 3/4 Fassung unterliegt immer der Gefahr dem Text nicht gerecht zu werden.
Dann gibt es noch weitere Kriterien. z.B. Textverteilung und Atmosphäre.
Ein Lied, dessen Textverteilung in der meist gesungenen Version nicht gelungen ist:
das Calypso-Vater-Unser
Aber das Lied wird gerne gesungen, weil es a) bekannt b) leicht mitzusingen und c) weil es überhaupt einfach schön ist. Dieses Problem stellt sich vorallem bei Übersetzungen oder musikalischen Anleihen. Der natürliche Sprachrhythmus wird in ein vorhandenes musikalisches Gerüst gepreßt. Das geht selten gut.
Dabei wäre durch das einfache Hinzufügen einer Achtelpause auf der 1 das Betonungsproblem gelöst gewesen.
Ein Text hat schon Melodie und Rhythmus. Die Musik eines Liedes darf diese Grundelemente nur bis zu einem gewissen Grad verändern. Daher eignen sich auch nicht alle Texte zum Vertonen. Ein guter Liedtext hat das Metrum in sich.
Musik bietet noch eine weitere Chance. Sie kann den Sinn eines Textes deutlicher machen, indem sie bewußt Betonungen legt. Am Beispiel des Kanons "Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach" wird das klar.
Der Text ist jedem katholischen Kirchgänger bekannt. So bekannt, dass der Text oft ohne Nachdenken mitgesprochen wird.
Mit der Musik kann ich jetzt bestimmte Aussagen verstärken. Es ist z.B. nicht verwunderlich, dass Jesus in Karpharnaum irgendwo in ein Haus geht. Es ist bemerkenswert, dass er zu diesem Hauptmann geht. Das wichtige Wort, dass der Hauptmann spricht ist also mein.
Oder – alle Menschen sprechen normalerweise mit Worten. Wunderbar ist, dass ein Wort reicht, um das Leben dieses Hauptmanns mit Heil zu erfüllen.
Also: sprich nur ein Wort...
Wenn ich diese beiden Worte stärker als üblich betone, ändere ich den Rhythmus.
Die betonten Silben sind verlängert.
Diese Betonungstechnik durchzieht meine Lieder und prägt die Rhythmen.
Probieren Sie es aus.
Viel Freude an der Musik.
