Untermenue von: Gregor Linßen
- 1: Gregor Linssen.
- 2: NGL Artikel.
- 2.1: Psalmen Singen - immer wieder neu (ÖKT).
- 2.2: Das Konzept eines Barden.
- 2.3: Funktion und Selbstverständnis des NGL.
- 2.4: Die Suche nach dem Richtig, Wichtig, Gut.
- 2.5: ADAM.
- 2.6: Unser Ja sei ein Ja.
- 2.7: Musikalische Zugänge.
- 2.8: NGL - etablierter Bestandteil der Kirchenmusik.
- 2.9: Liedbetrachtungen.
- 2.9.1: In dieser einen Nacht.
- 2.9.2: Vivifica nos.
- 3: Konzertbuchung.
- 4: Workshops.
- 5: Beratung.
- 6: Choralcanto.
- 7: Junge Kirche Neuss.
- 8: Junge Kirche Düsseldorf.
In dieser einen Nacht
Eine Liedbetrachtung von Leo Langer
“In dieser einen Nacht”, ein Neues Geistliches Lied von Gregor Linßen, ist ein Weihnachtslied der ganz besonderen Art. Nicht weil es die im Neuen Geistlichen Liedgut eher selten behandelte Weihnachtsthematik überhaupt aufgreift und in zeitgemäße Sprache zu übersetzen versucht, sondern weil es sich dem Wunder der Menschwerdung Gottes auf eine bemerkenswert behutsame Weise nähert. Es ist ein Lied zur Heiligen Nacht. Das wundersame Ereignis dieser Nacht und seine Bedeutung für den Menschen markieren den inhaltlichen Rahmen des Stückes. Gregor Linßen versucht, in seinem Lied das Wesen des Weihnachtsfestes zu ergründen, indem er es in die Spannung zwischen dem Einfachen-Alltäglichen und dem Besonderen stellt. Was bedeutet die Geburt Jesu wirklich, welche Dimension hat sie?
In der Suche nach dem wahren Wert grenzt er das, was zählt, von allen Nichtigkeiten ab: Weihnachten, das ist die Geburt des Kindes im Stall, die Zusage Gottes an die Menschen, die Botschaft vom Frieden und der Liebe. Weihnachten, das ist die Nacht des Heiles, in der Kriege nicht erklärt werden, keine Urteile gefällt werden und Lügen ungestraft bleiben. Die Geburt des Menschensohnes ist das einmalige, einzigartige Ereignis, das vollkommen unspektakulär daherkommt. Es ist eben keines von den vermeintlichen Wundern, keine Sensation, auf die die Menschen in den Nachrichten lauern. Das wahre Wunder ist das Menschenkind in der Krippe, das ganz Einfache, scheinbar Unbedeutende und heute wie damals beinahe Übersehene, das aber doch den Menschen still werden lässt und staunend macht. Und der Refrain fasst es in einem einfachen Satz zusammen: “In dieser einen Nacht schreibt ein Stern fast unbemerkt dem Himmel Hoffnung ins Gesicht”.
Diese Botschaft vermittelt uns Gregor Linßen mit Bildern und Vergleichen aus unserer Zeit (“keine der Geschichten, die in Nachrichten gezeigt”, “keines der Geschenke, deren Wert vom Geld abhängt”). Ähnlich wie damals im Stall von Bethlehem sucht er in unserer Welt nach einem Platz für das Weihnachtsgeschehen. Er bettet es ein in unseren Alltag, der von Unwahrheiten, Kommerz und Unfrieden geprägt ist. In diesem Hier und Jetzt - inmitten unserer Wunder, Sensationen, Unverbindlichkeiten und Oberflächlichkeiten - findet die Menschwerdung statt, und wir sind dazu aufgefordert, dem wahren Wert dieses Geschenkes nachzuspüren. Gregor Linßen führt uns vor, wie das geht: in der Reduktion und Konzentration auf das Wesentliche, im Innewerden tritt der besondere Zauber “dieser einen Nacht” zutage. Ablesbar wird dies nicht nur im Gesagten, sondern auch in der Musik: eine schlichte Melodie, eine einfache Harmonisierung, das ganze Stück langsam, leise und ruhig - als wolle sich selbst die Musik zurückhalten, in den Hintergrund treten, sich aufs Notwendigste beschränken, um den Blick für das Eigentliche freizuhalten und den Worten Raum zu geben, um das auszudrücken, worauf es ankommt. Aber auch die Sprache kann das Wunder der Heiligen Nacht nicht erfassen. Sie bleibt vorsichtig und andeutend, verliert keine unnötigen Worte und gerät nicht ins Schwelgen. Nirgends wagt sie es, letzte Aussagen zu formulieren. So bleiben gerade im Anfangsteil der Strophen die Sätze unvollständig, die Prädikate fehlen. An die Stelle konjunktionaler Satzverknüpfungen tritt der Doppelpunkt, der unseren Vorstellungen von Weihnachten die wahre Bedeutung dieser Nacht gegenüberstellt. Und wo das Wunder mit Worten nicht mehr greifbar ist, versucht eine bildhafte Sprache, die Dimensionen der Weihnachtsbotschaft zu ergründen. Sie bedient sich dabei nicht der altbekannten, formelhaft gewordenen Metaphern traditioneller Weihnachtslieder, sondern sucht nach neuen Bildern, die zum Nach-Denken einladen (“und nicht ein einzger Stab zerbricht”, “bleibt die Lüge ungestraft und doch sie fällt nicht ins Gewicht”) und unseren Träumen und Visionen Raum lassen: “In dieser einen Nacht schreibt ein Stern fast unbemerkt dem Himmel Hoffnung ins Gesicht.”
Dahinter scheint ein Gottesbild durch, das in vielen Liedern Gregor Linßens spürbar wird: “Der unsagbar Große wird unfaßbar nah”, so benennt er es in seinem Stück “Wir haben uns mit Gott vertraut gemacht”. Für dieses Wunder der Menschwerdung Gottes können wir keine Worte finden, was uns bleibt, ist das hoffnungsvolle Staunen.
Doch um dahin zu kommen, ist ein Innehalten nötig, ein Stillwerden. Nicht umsonst ist das Lied geprägt von Pausen: jede musikalische Phrase, jeder sprachliche Gedanke endet entweder mit einer langen Note oder mit einer längeren Pause. So haben wir einen ganzen Takt und länger Zeit innezuhalten, nachzusinnen und Gesagtes zu hinterfragen, oder aber auch, um uns auf das wirklich Wichtige, das Unscheinbare und Leise vorzubereiten. Markant wird dieser Gegensatz an der Stelle “Keine der Geschichten, die in Nachrichten gezeigt: eine Nacht unter Nächten, in der die Erde friedlich bleibt”. Nicht nur die Pause, auch der Kontrast in der Harmonik, der Lautstärke und der Tonhöhe weisen uns darauf hin, dass eben nicht das Laute, Grelle, Vordergründige zählt.
“Fast unbemerkt” - wie es im Refrain heißt - vollzieht sich das Heil dieser Nacht: als kleines Kind im Stall von Bethlehem und nicht als Herrscher oder König kommt unser Gott in die Welt. Gregor Linßen drückt dies aus, ohne den Namen Gottes überhaupt erwähnen zu müssen. Er spricht nicht von der Geburt Jesu, von Maria und Josef, nennt den Gottessohn nicht Heilsbringer und Friedensfürst. Dennoch drückt das ganze Lied dies aus, wenn der Komponist die Dimensionen “dieser einen Nacht” in Wort und Musik setzt.
Und wird die Menschwerdung Gottes - die nirgends explizit Erwähnung findet - nicht gerade in dem letzten Bild unmittelbar greifbar? Der Stern, der dem Himmel Hoffnung ins Gesicht schreibt, kündet uns nicht nur von der Geburt Jesu, er ist gleichzeitig Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen. Im Stilmittel der Personifikation erhält das Göttliche menschliche Züge, der Himmel wird vermenschlicht und wird zum Hoffnungsträger für uns Menschen. Die in der Metapher nachgebildete Inkarnation spiegelt sich auch in der Musik wider: Das Lied endet mit dem tiefsten Ton - Gott ist zu uns auf die Erde gekommen.
Kürzer und schöner lässt sich die Bedeutung der Heiligen Nacht nicht zusammenfassen: “In dieser einen Nacht schreibt ein Stern fast unbemerkt dem Himmel Hoffnung ins Gesicht.” Das ist die Weihnachtsbotschaft an uns, die dieses Neue Geistliche Lied in Wort und Musik beeindruckend feinfühlig vermittelt.
