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Neues von der Zweiten Geige

08.12.2009 20:09 Alter: 273 Tage

Petrus und der Mauerfall

Von: Steffi Weber

Bewegende Aufführung in Helbra

Und ich soll das Erlebte jetzt in einem Kommentar beschreiben.

Wie nur?

 

Helbra ist ein kleines Kaff mit ca. 5000 Einwohnern in der Nähe von Eisleben, ca. 1 h von Leipzig. Helbra liegt in einer Gegend Deutschlands, wo nicht zwingend eine durchgehende Autobahn hinführt. Man kommt an stillgelegten Kupfermienen vorbei, deren pyramidenförmige Halden und Helbra selbst auf den ersten Blick eher trostlos und verlassen scheinen.

 

Es sollte eine kleine Aufführung werden. Im Vorfeld gab es eine freundliche Erinnerung von Grischdina an den Chor, sich gesund zu ernähren und jeder Ansteckungs- oder Unfallgefahr möglichst aus dem Weg zu gehen, da die Anzahl der Männer bereits erheblich geschrumpft war und die Stimmenbalance gefährdet war.

 

Als wir auf der Hinfahrt mit Leo telefonieren, eröffnete er uns, dass die Posaune auf die Lippe gefallen, die Trompete verhindert war (warum hab ich vergessen) und Birgit am Sax eine andere Verpflichtung hatte.

                Petrus ohne Blech!

Mein erster Gedanke war: „Oh Schreck, dann hört man uns ja!!!“

Ich wurde sogar ein bisschen nervös.

Petrus ohne Blech, wie soll das denn klingen?

In Helbra erfuhren wir dann noch, dass sämtliche 4 Ersatzcellisten ebenfalls krank, verletzt oder sonst wie verhindert waren.

Wir schauten betreten in die lichten Reihen der Musiker. Zum Glück war die kritische Grenze noch nicht überschritten (die kritische Grenze ist spätestens dann erreicht, wenn Gregor oder Christoph oder Keyboard fehlt).

Wer als Ersatzmusiker bei AMI mitspielt, muss stets darauf gefasst sein, dass alles anders ist. Wir AMIs wissen das ja bereits, und wenn nachmittags noch neue Noten für das Konzert abends kommen, dann ist das normal. Besonders wenn wichtige Instrumente fehlen (es sind natürlich alle Instrumente gleich wichtig, aber manche sind gleicher wichtiger…). Unser Ersatz-Sax Claudius nahm die neuen Blechnoten allerdings ganz gelassen und spielte, als hätte er nie etwas anderes gespielt. Wahnsinn!!!

Vielleicht kann irgendwann der Sopran auch mal im Bass aushelfen… oder so.

 

Das Publikum war ganz hingerissen vom Konzert und vom Schauspiel, die Petrici auch (ich lach mich immer kringelig, wenn Michael die Bibelzitate herholt: „Kennste den…?“). Ett hätt noch äwwer joot jejange, auch ohne viel Blech und Cello. Gregor tobte sich derweil noch auf der Flöte aus (die war nämlich auch abwesend). Eine wunderbare Stimmung herrschte in der total ausverkauften Kirche. Standing Ovations nach dem letzten Ton, wow. Die Petrici verneigten sich, und was macht das Publikum? Der Pfarrer kopierte Gregors Zeigefinger und das Publikum verneigt sich vor uns im Petrici-Stil. Genial. Erstaunlicherweise gabs an diesem Abend keine Zugaben (von unserer Seite), dafür die Einladung nach dem Konzert mit der Gemeinde im Casino zu feiern.  

                Das grosse Fressen.

Teresa, die Gemeindereferentin, die den Event in Helbra organisiert hat, hat im Vorfeld sorgfältig recherchiert und u.a. sämtliche 2. Geige Kommentare gelesen. Besonders die Stellen, an denen ich von satten Tönen und limitierten Essensrationen schrieb, hat sie besonders aufmerksam studiert. Das Essensbuffet, das Teresa mit der Gemeinde organisiert hat, übertraf sogar Villingen oder Duisburg, allein diese Vielfalt! Ausserdem wurde ständig nachgelegt. Ich hatte bereits 2 Kuchenstücke auf dem Teller, da bekam ich noch ein Toast Hawaii aufgeladen. Als ich ein paar bewundernde Worte fand:

„Das ist aber ein Wahnsinns Buffet hier!“, bekam ich zur Antwort:

„Das ist bei uns immer so.“

Wir sollten öfter in Helbra auftreten, dann legt sogar Gregor ein paar Kilo zu.

Ein Auto mit Chorleuten stand freitags auf der Hinfahrt im Stau – und was taten die Insassen, um sich die Langeweile zu vertreiben? Sie naschten allerlei Knabberzeug und kamen pappsatt in Helbra an.

Grosser Fehler, wurden sie doch zum abendlichen 3-Gänge-Menue in XXL-Ausstattung erwartet – so viel, wie 4 Leute essen sollten, hätte vielleicht mal die ganze Band geschafft. Uff.

 

Irgendwie ticken die Uhren in Helbra ein bisschen anders, jedenfalls was die Zeit zwischen einer Mahlzeit und der nächsten Mahlzeit angeht. Normalerweise hat der menschliche Magen ein paar Stunden Zeit für die Verdauung. Nicht so in Helbra. Da steht das nächste Essen einfach schon parat, obwohl man sich gerade erst den Bauch vollgeschlagen hat.

Von wegen Heuschreckenplage. Die Heuschrecken waren leicht überfordert vom Essensangebot. Es wurde ihnen sogar noch für die Heimfahrt etwas mitgegeben.

 

                Einsingen für den Gottesdienst.

 

Das Beste kam ja noch am Sonntag. Wir trafen uns 1Stunde vor dem Gottesdienst in der Kirche zum Einsingen. Die Gemeinde war auch schon da.

Gregor war so nett, für die Band die Noten frisch auszudrucken. Die Hälfte der Lieder war von Gregor, die andere von Helbra. Und so übten wir alle gemeinsam die Lieder ein, mal musste Gregor vorsingen, mal die Petrici und mal der Chor von Helbra. Ganz wunderbar. Musik verbindet.

 

                Prost Petrus.

20 Jahre Mauerfall, das ist ein Grund zu feiern.

Der Pfarrer holte zu Beginn seiner Predigt ein Piccolöchen mit 2 Sektgläsern und goss Gregor und sich ein. Vor 20 Jahren hätten sie das ja auch gemacht, Ost und West auf den Mauerfall angestossen.

Die Predigt war genial und der Pfarrer erntete tosenden Applaus am Ende. Wow.

Damit nicht genug. Nach dem Gottesdienst sollten alle Petrici nach vorne kommen, und wurden abermals beklatscht.

Es ging noch weiter. Man wollte aus auch noch beschenken, quasi als Gegenleistung für die spontanen Geschenke für die Ossis, die nach der Grenzöffnung rüberkamen.

So bekam jeder von uns einen Apfel aus der Gegend (lecker saftig), eine Flasche Mansfelder Apfelsaft (lecker fruchtig!), einen Flummi mit der Aufschrift „Gott, mit Dir überspring ich Mauern!“, und zu guter Letzt einen Origami Papierstern aus vielen einzelnen Zacken zusammengefaltet, unglaublich.

Für 1 Stern haben sie 30 min gebastelt.

Und JEDER Mitwirkende (ca. 70) hat einen bekommen!

„Das haben unsere Familienkreise gemacht“

Ja, mal eben so zwischendurch oder was…?

 

 

Liebe Gemeinde von Helbra!

Vielen Dank für das eindrückliche Erlebnis, für das gemeinsame Feiern und Singen, für die wunderbare Gastfreundschaft, für dieses unglaubliche Engagement und überhaupt. Gastgeber Note 1+.

 

                Ein paar Rekorde: