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ADAM - Das Credo von Gregor Linßen

ADAM. Die Suche nach dem Menschen
Eine Betrachtung von Komponist und Werk von Monika Cajcovac

 “ADAM” – das zweite Oratorium des NGL-Komponisten und -Texters Gregor Linßen macht sich mit Hilfe der Kantschen Leitfragen “Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?” auf “die Suche nach dem Menschen”. Eingebettet in die Rahmen-handlung eines Vater-Sohn-Konfliktes, beleuchtet am Beispiel des Hl. Franz von Assisi, versuchen die Texte und Lieder zu ergründen, was unser Menschsein ausmacht. Als Christen sind wir mit diesen Fragen nicht auf uns allein gestellt, von Gott – wie einst Adam – in seine Schöpfung gestellt, wissen wir uns in unserem Suchen nach dem sinnerfüllten Leben begleitet. Das Menschsein, das Gott seinen Geschöpfen zumutet, ist gleichzeitig Zusage und Herausfor-derung. Jeder Mensch hat die Freiheit und die Aufgabe, sein Leben zu gestalten. Dieses Leben hat Platz für Grenzen und Entgrenzungen, es hat Platz für Fragen, für Zweifel, für Resignation, aber auch für Träume, Visionen, Zuversichten und Taten. Und dieses Leben wird gelingen, wenn wir uns unserer Wurzeln bewußt werden, auf den Beistand Gottes vertrauen und es wagen, unser Leben – mit welchem Ziel auch immer – in seinem Sinn zu leben.
 
 Wenn Gregor Linßen diese Botschaft in seinem neuesten NGL-Oratorium ausgestaltet, greift er auf bewährte Mittel seines Schaffens zurück. Quelle und Kern der Liedtexte sind auch hier – wie in früheren Werken schon  - die Geschichten aus der Bibel selbst. Ausgehend von den Worten der Hl. Schrift bemüht sich Gregor Linßen in seinen Liedern nicht nur um die Übersetzung der biblischen Verkündigung in heutige Sprache, sondern ebenso um die Deutung dieser Botschaft in ihrer Relevanz für alle Christen.
 Gleich das Eingangsstück - eine gelungene Exposition des Oratoriums – deutet beispielsweise  den Zuhörern die Schöpfungsgeschichte der Genesis. Im Spiel mit den Namen der ersten Menschen – Adam und Eva – zeichnet er in lyrisch verknappter Weise die Entstehung der Menschen nach. Diesem göttlichen Schöpfungsakt stellt er - im Bild des Kindes - jeweils die Perspektive des Menschen gegenüber, indem er die Auswirkungen auf das menschliche Leben beschreibt. Der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies finden dabei keine ausdrück-liche Erwähnung, sondern bleiben nur in dem Bild der sich drehenden Welt erahnbar.
 


ADAM –                                                       Gen 2,7
aus Erde schuf Gott den Menschen,
aus der Mutter Erde Schoß,
ER gab ihm den Geist zu denken und sprach:
“Geliebtes Kind ich laß dich los.”    

Und die Welt begann sich zu drehen,
nicht zu verstehn für ein Kind.    
Dabei wollte es wissen,
nicht nur glauben müssen, dass wir Gottes Kinder sind.

EVA –                                                         Gen 3,20
ins Leben rief Gott den Menschen,
um der Liebe Kraft zu mehrn.               
ER gab ihm die Welt zu lenken
und sprach:“Du wirst nie allein sein, doch ich werde gehen.” 

Da stockte die Welt ihm Drehen,
blieb einfach stehen für das Kind.
Nur die Kraft zu lieben war ihm jetzt noch geblieben
und die Ahnung, wer wir sind.    

 
 
Die Spannung, die sich daraus ergibt, wird in diesem Stück nicht einfach aufgelöst, sondern bleibt bewußt aufrechterhalten. Den Schluß, den Gregor Linßen aus der Schöpfungsgeschichte für uns heute zieht, ist darum keine Patentlösung, sondern ein Zuspruch:
 

Möge diese Kraft uns zeichnen,
dass die Liebe die Welt gewinnt.
Möge uns die Ahnung reichen,
dass wir Gottes Kinder sind.

 
Mit diesem Segen entläßt der Autor den Menschen in die Suche nach dem Sinn des Lebens.
 
Auch das Stück “Wieviel Gottvertrauen braucht man” ist eine solche Auslegung der biblischen Botschaft. Die Geschichte der Verklärung Jesu (Mk 9,2-10, auch Mt 17,1-9) wird hier mit eigenen Worten paraphrasiert und auf ihre Bedeutsamkeit hin untersucht. Gregor Linßen hebt dabei die ohnehin bildhafte biblische Erzählung durch die Verwendung von sprichwörtlicher Redeweise (“sie waren nah dem Himmel”, “sie waren tief am Boden”) in eine weitere Ebene der Bildhaftigkeit. Die Deutung des biblischen Ereignisses wird schließlich im zweiteiligen Refrain entwickelt, wobei auch hier keine Patentrezepte angeboten werden. Vielmehr laden die Fragen aus dem ersten Teil des Refrains (“Wieviel Gottvertrauen braucht man...?”) zum eigenen Nach-sinnen ein, welche Relevanz die dargebotene Geschichte für das eigene Leben hat. Und auch im zweiten Teil des Refrains, der den Charakter einer gebethaften Anrufung Gottes trägt, wird lediglich in Bildern angedeutet, wie sich die Konsequenz aus der biblischen Erzählung im eigenen Leben manifestieren kann (“Gott gibt mir Kraft, die andre Wange hinzuhalten”, “Gott gib mir Kraft, zu sagen “Tod, wo ist dein Stachel?””).
 
Diese Orientierung an den biblischen Texten und der biblischen Sprache ist auch prägend für die Metaphorik der Liedtexte. Denn die Sprache in den Liedern Gregor Linßens lebt – anders als bei zahlreichen anderen NGL-Autoren – nicht allein und nicht vorwiegend von kreativen, neuen Metaphern, sondern maßgeblich auch von altvertrauten (und möglicherweise unverstanden ge-bliebenen) biblischen Bildern und Motiven. Von zentraler Bedeutung ist in diesem Oratorium beispielsweise das Motiv des “alten und des neuen Menschen” (vgl. Röm 5,12-21, Eph 4,17-24, Kol 3,1-17), das Gregor Linßen in dem Stück “Alles ist anders” am Beispiel der Lebens-geschichte des Franz von Assisi entfaltet und in dem Stück “Am Ende bleibt ein Klang” wieder aufgreift. Andere Beispiele sind die “leuchtende Wolke” oder das Bild des “Hütten Bauens” aus der Verklärungs-Episode auf dem Berg Tabor. Auch der “Dornbusch, der nicht  verbrennt” (in “Am Ende bliebe doch ein Klang” ) ist ein zentrales biblisches Bild, das Gregor Linßen bereits in einem früheren Stück (“Wagt euch zu den Ufern”) aufgegriffen hat.
Darüber hinaus finden auch NGL-typische Metaphern wie Bilder des Blühens und Wachsens, des Lichtes und des Feuers oder der Spuren Gottes in den Liedern des Oratoriums Verwendung.
Gregor Linßen schöpft in seinen Liedern aber auch aus einem Fundus eigener Bilder und Begrifflichkeiten, was seinen Stücken einen eigenen Charakter verleiht: Die Metapher des “Erwachens” beispielsweise (“einmal werden wir erwachen und ihn [=Gottes Traum] wahr werden sehn” in dem Stück “Nie mehr” oder “daß Du ans Ende unsrer lebensmüden Zeit deine Verheißung stellst von einem guten Erwachen” in dem Stück “Wir sind hier”) ist einer der Kern-begriffe, der in dem Oratorium “Die Spur von morgen” entfaltet wird. “Ein Stern fällt aus der Bahn” (aus dem Stück “Alles ist anders”) erinnert nicht nur an Gregor Linßens Weihnachtslied “In dieser einen Nacht”, sondern auch an den Klassiker “Ein Funke, aus Stein geschlagen”. Dort heißt es in der ersten Strophe wörtlich: “ein Stern, vom Himmel gefallen, zieht Spuren von Gottes Macht”.
Neben diesen aus früheren Werken bekannten Metaphern kreiert der Autor aber auch neue Bilder. In dem Stück “Wo ist Bethlehem” wird “Bethlehem” zu einer chiffreartigen Metapher, d.h. “Bethlehem” ist nun weit mehr als die Geburtsstätte Jesu, es wird zum Bild der Mensch-werdung, der Gottesbegegnung und des Neuanfangs:
 
 

Der Himmel ist verhangen, kein Stern in der Nacht zu sehn.
Kein Engel für die Hirten, keine Könige, die zur Krippe gehen.
Der Wunsch ist nicht vergangen, daß Gott nochmals auf die Erde käm.
Wo um alles in der Welt, wo ist Bethlehem?
 
Bethlehem ist dort, wo Leben neu beginnt,
Bethlehem ist dort, wo der Funke Hoffnung überspringt,
über und über und endlich bis zu mir,
Bethlehem ist hier.
 
Es ist nicht lange her, nicht fern im Morgenland,
nicht vorbei und vergessen, Gott legt sich in unsre Hand.
Es ist nicht ohne Sinn, nur gegen allen Schein,
ein leiser Neubeginn: Gott wird bei uns sein.
 
Bethlehem ist dort ...

 
Es ist nicht lange her, nicht weit weg im Orient
Gott stirbt unsre Tode von uns ans Kreuz gehängt.
Es ist nicht ohne Sinn, nur gegen allen Schein,
kein Ende ohne Ende: vom Herzen fällt ein Stein.
 
Bethlehem ist dort ...

 
 
Die Texte der Neuen Geistlichen Lieder aus dem Oratorium ADAM leben darüber hinaus von der Verwendung sprichwörtlicher Redeweise. Dieses im Neuen Geistlichen Lied beliebte Stil-mittel findet auch bei Gregor Linßen in verschiedenen Spielarten Anwendung.
In zahlreichen Liedern werden Sprichwörter in ihrer - aus der Alltagssprache vertrauten – sprichwörtlichen Bedeutung in den Texten eingesetzt, so z. B.
 

“Ihr habt euch gut arrrangiert mit den Mächtigen dieser Welt.
Habt eure Schäfchen im Trockenen, nur wer gut betucht ist, zählt.
(...)
“Jeder ist genauso Schmied am Glück dieser Erde
wie er auch der Henker ist, und den Strick legt um Gottes Erbe.”
(aus “Sonne und Mond”)
 

 oder
 

“Es ist nicht ohne Sinn,
nur gegen allein Schein,
kein Ende ohne Ende:
vom Herzen fällt ein Stein”
(aus “Wo ist Bethlehem”)

 
Solche idiomatischen Wendungen dienen im Neuen Geistlichen Lied der Verlebendigung der Sprache und der Übersetzung tradierter Glaubensaussagen in die heutige Lebens- und Glaubenswelt.
Gregor Linßen nutzt sprichwörtliche Redeweise in seinen Liedern aber auch, um eben diese aus der Alltagssprache bekannten und verfestigten Hörgewohnheiten aufzubrechen. Er tut dies beispielsweise, indem er gerade nicht die übertragene, sondern die eigentliche Bedeutung der Wendung für die Aussage seines Textes nutzt:
 

“Nie mehr wollen wir Haß im Herzen spürn.
Nie mehr werden wir Angst im Schilde führn.
Nie mehr soll die Liebe uns verloren gehn,        
nie mehr, nie mehr!             
(aus “Nie mehr”)

 
Die sprichwörtliche Bedeutung der Wendung “etwas im Schilde führen” ist in diesem Kontext völlig verloren gegangen. Der Effekt eines solchen Textens liegt darin, dass mit Hilfe derart genutzter Wendungen, die Aufmerksamkeit wieder auf den Text, auf die Aussage gelenkt wird. Ähnliches gelingt Gregor Linßen auch durch das Spiel mit sprichwörtlichen Redewendungen:
 

“Heilig ist der Mensch,
für den “Aug´ um Aug´” nicht gilt.
Ein Mann führt Frieden in die Kriege
um Gottes wunderbare Welt.
In seinen Augen brennt ein Licht
und durch die harte Schale bricht ein Widerschein.
Was er tut, muß Gottes Wille sein.”                 
(aus “Heilig ist der Mensch”)

 
Die idiomatische Wendung “Kriege führen”, die dem Zuhörer eigentlich geläufig ist, wird – dadurch, daß sich der “Friede” in die Aussage drängt - umgekehrt und damit ad absurdum geführt. Nun werden nicht “Kriege geführt”, sondern es wird “Frieden geführt” bzw. es wird sogar – eine weitere Zuspitzung – “Frieden in die Kriege geführt.” Ähnlich zieht übrigens auch die Formulierung “Kriege um Gottes wunderbare Welt” die Aufmerksamkeit auf sich, hier ist der Gegensatz so krass in eine Wendung komprimiert, daß gleich ins Auge fällt, daß “Krieg” und “Gottes wunderbare Welt” eigentlich nicht miteinander vereinbar sind. Verdeutlicht wird dies im geschriebenen Text durch den Zeilenumbruch genau an dieser Stelle, in der musikalischen Umsetzung unterstreicht dies ein drei Achtel dauernde Pause.
 
Was aber Gregor Linßens Schreibstil in diesem Oratorium besonders ausmacht sind Personifikationen. Dieses Stilmittel, in der Literatur beliebte rhetorische Figur, um abstrakte Begriffe zu verlebendigen, ist auch im Neuen Geistlichen Lied ein hilfreiches Mittel zur Veranschaulichung religiöser Inhalte und Verlebendigung des Sprache. Abstrakte Dinge, schwer vorstellbare und wenig greifbare Inhalte werden durch diese Spielart der Metapher dem Zuhörer nähergebracht, indem sie menschliche Züge erhalten:
 
 

“Hörten wir nicht von Anfang an
der Schöpfung leises Weinen”             
(aus “Am Ende bleibt ein Klang”)

oder:

“Im Angesicht der Nacht
wird ein kleines Licht zur Macht,
und ein sanftes Lächeln legt sich auf das Dunkel.
 
Ein Licht, das zu sagen scheint:
Die Nacht ist nicht des Tages Feind.”     
(aus “Im Angesicht der Nacht”)

 
Bei Gregor Linßen ist diese Form der Verlebendigung bis ins Letzte gesteigert. Abstrakte Dinge sind in seinen Texten nicht nur durch menschliche Fähigkeiten gekennzeichnet, ihnen wird vielmehr sogar menschliches Empfinden zugesprochen. Alles scheint regelrecht beseelt:
 

“Wie kann es Menschen möglich sein,
Flugzeuge zu Schwertern zu machen
und der verletzten Menschlichkeit
auch noch ins Gesicht zu lachen.”
(aus “Gott will es”)

 
Diese Form der Verlebendigung und Beseelung der Schöpfung wird in Gregor Linßens Texten weiter gesteigert durch eine sinnenhafte Sprache. Bereits aus seinem Stück “Und ein neuer Morgen” kennen wir diesen Stil, dort wird das Wirken Gottes vollkommen als sinnliche Erfahrung beschrieben. Mit allen und in allen Sinnen teilt sich Gott mit und wirkt im Menschen weiter; vermittelt wird dies durch visuelle Eindrücke (“treib Knospen und blühe in mir”), “sensorische (“halte mich geborgen”), akustische (“sei Stimme und singe in mir”) und emotio-nale (“sei froher Gedanke, sei tröstender Blick”). Im Oratorium ADAM spiegelt sich dieser sinnenhafte Zugang zur Schöpfung in neu kreierten Wendungen wieder. Dabei können abstrakte Dinge nun geradezu wahrgenommen werden, man kann sie sehen, man kann sie spüren, man kann sie hören:
 

“ein Silberstreif der Zuversicht”           
(aus “Heilig ist der Mensch”)

“in den dunkelsten Stunden der Menschlichkeit” (...)

“dass mit dem ersten Atemzug der Wirklichkeit
du unsre Freiheit wählst”           
(aus “Wir sind hier”)

“der Gedanke einer Flamme”           
(aus “Sonnengesang”)

“hörten wir nicht des Menschen Zukunft
noch im kleinsten Grashalm keimen”       
(aus “Am Ende bleibt ein Klang”)

 
Im letztgenannten Beispiel ist dieses sinnenhafte Empfinden sogar zu einer Synästhesie gestei-gert – das optische Phänomen des keimenden Grashalms wird auch akustisch wahrgenommen.
 
All diese Mittel tragen sicherlich zum besonderen Charakter der Lieder Gregor Linßens bei. Was aber beinahe noch wichtiger ist und viele seiner Stücke so wertvoll macht, ist der Gehalt seiner Lieder. Seine Stücke transportieren Inhalte, biblische Inhalte. Sie wollen Verkündigung und Deutung der Frohen Botschaft sein. Und diese Botschaft steht im Vordergrund. Diesem Zweck dienen die Texte, die Sprache und die Musik.
Auffallend ist bei Gregor Linßen nämlich wie bei kaum einem anderen NGL-Autor, wie sehr die Musik im Dienste der Texte steht. Die musikalische Umsetzung stützt die Inhalte, sie schafft – zumeist - eine Atmosphäre, die die Texte nicht zu-, sondern aufdeckt und den Worten Raum gibt. Der gelernte Toningenieur Linßen weiß dies in seinen Neuen Geistlichen Liedern bestens umzusetzen. Die Kongruenz von Text und Musik geht sogar soweit, daß der Rhythmus der Musik den Sprachrhythmus aufgreift.
Die Sprache selbst versucht – auf sehr sensible Art - so treffend wie möglich zu formulieren.
Und wo dies gelingt, gewinnen die Stücke poetische Dimensionen. Ein Beispiel:
 

“Ein Mann berührt Unberührbare mit liebevoller Hand”        
(aus “Heilig ist der Mensch”)

 
Treffender und schöner läßt sich die Berührung eines Aussätzigen kaum ausdrücken. Eine solche Genauigkeit im Formulieren verleiht so manchen Texten eine nahezu ergreifende Innigkeit.
Die Wahl der Bilder und der Worte ist in Gregor Linßens Liedern wohl durchdacht. Sprachliche Stilmittel, wie sie oben beispielhaft aufgezeigt wurden, stehen ebenso im Dienst des Textes und geraten nicht zum sprachlich-spielerischen Selbstzweck wie bei so manchem NGL-Texter. Sie wollen einladen zum Innehalten, Aufhorchen und Nachvollziehen. Die Bilder, die Gregor Linßen dazu wählt, sind aus der Bibel vertraut. Gregor Linßen deutet sie seinen Zuhörern neu, er über-setzt sie in eine nachvollziehbare Sprache, ohne allzu sehr im Heute verhaftet zu sein. All dies ist aus vielen seiner bisherigen Stücke altbekannt. Neu ist im Oratorium ADAM an manchen Stellen eine Drastik im Ausdruck und eine Gradlinigkeit in der Aussage, die zuweilen etwas allzu selbstsicher daherkommt.
Einladend aber bleiben die Botschaften, die Gregor Linßens Neue Geistliche Lieder verkünden.
Sie vermitteln – in diesem Oratorium mehr noch als in anderen Werken zuvor – ein ganz beson-deres Menschenbild. Der Mensch ist geliebtes Kind, Ebenbild Gottes. Diese versöhnende, tröstende und stärkende Erkenntnis versucht der Autor in seinen Stücken seinem Publikum nahe-zubringen. Dem gegenüber steht ein ebenso einladendes Gottesbild: Gott als liebender “Vater, Mutter, Bruder, Freund” ist kein zürnender Gott – nicht umsonst bleibt im Eingangsstück der Sündenfall der ersten Menschen im Paradies bewußt ausgeklammert – sondern treuer Wegbegleiter des Menschen.
So werden Linßens Lieder aus dem Oratorium ADAM zu Mutmachliedern, zu Liedern der Zuversicht. So behütet braucht sich der Mensch nie mehr zu fürchten, denn:

“Niemand kann euch das Leben nehmen,
das von Anfang an euch zugedacht.
Alle stehn wir unter Gottes Segen,
über uns hat nur die Liebe Macht.
Wir sind frei zu gehen oder still zu stehn,
um Gottes Traum zu folgen.
Einmal werden wir erwachen und ihn wahr werden sehn.    
(aus “Nie mehr”)


Das ist Gregor Linßens Glaubensbekenntnis, das er auf seine ganz eigene Weise in den Liedern des ADAM verkündet.

Alle Texte des Oratoriums ADAMs mit dem dazugehörigen Disput der Bühnenfassung sind im Libretto der Oratorien Trilogie Rede und Antwort enthalten.