Untermenue von: Werke & Lieder
- 1: Übersicht.
- 2: 2010 Selig, die ihr Hoffnung habt.
- 3: 2010 Mit flammendem Herzen.
- 4: 2009 Kommt und seht.
- 5: 2008 Rede und Antwort.
- 6: 2007 Petrus und der Hahn.
- 7: 2006 Vivifica Nos.
- 8: 2005 Venimus adorare Eum.
- 9: 2004 Hier bin ich.
- 10: 2002 ADAM.
- 11: 2001 Die Dauer des Augenblicks.
- 12: 2000 Tausend Jahre wie ein Tag.
- 13: 1998 Die Spur von Morgen.
- 14: 1997 Vermächtnis eines Freundes.
- 15: 1993 Spuren der Einen Welt.
- 16: 1991 Lied vom Licht.
- 17: -.
- 18: Korrigenda der Chorpartituren.
- 19: Lieder zum freien Download.
“Das Stück "Hier bin ich" mit der Glocke und das Friedenslied waren ein außergewöhnliches Erlebnis für uns alle.”
Email von Olivier Tarozzi, Glockensachverständiger von Straßbourg zum Eröffnungsgottesdienst der internationalen Glockentage im Straßburger Münster
„Worauf sollen wir hören?“
Gregor Linßen und die MUSIK-WERKSTATT Freiburg bei den Europäischen Glockentagen in Karlsruhe
Samstagabend, 25.09. - Schlag 18:06 Uhr
Sieben Glockenschläge eröffnen an diesem Abend einen besonderen und sicherlich einmaligen Gottesdienst in der Kirche St. Bernhard in Karlsruhe. Die MUSIK-WERKSTATT Freiburg unter Leitung von Leo Langer hatte im Rahmen der Europäischen Glockentage zu einer Wort-Gottes-Feier eingeladen, die ganz im Zeichen der Glocke stand.
Gottesdienste gab es viele bei diesem Glocken-Event - und dennoch war diese liturgische Feier so ganz anders als all die anderen: Eine richtige, einen Meter hohe Kirchenglocke – aufgebaut im Kirchenraum mitten unter den Feiernden - stand hier im Zentrum der Liturgie – als Friedenssymbol und außergewöhnliches Musikinstrument.
Gregor Linßen, Komponist Neuer Geistlicher Lieder und bewährter Partner früherer MUSIK-WERKSTATT-Projekte, hatte die Glocke in der Karlsruher Glockengießerei Bachert entdeckt: Eine Sterbeglocke, die in beiden Weltkriegen zu Kriegszwecken eingeschmolzen worden war und darum dreimal neu gegossen werden musste. Sie sollte an diesem Abend für eine Vision von Frieden und Gerechtigkeit läuten.
Dieser Glocke hatte Gregor Linßen eigens zu den Glockentagen ein Stück auf den Leib geschrieben: „Hier bin ich Gott“ – eine Ouvertüre für Chor- und Sologesang, Streicher, Klavier, Schlagzeug und Glocke. Thematisch ist das Stück durchdrungen von der biblischen Geschichte der Berufung Samuels. Es ist eine Geschichte vom Hören-Lernen. Sieben Glockenschläge eröffnen das Stück und stehen für den Ruf Gottes, der Samuel im Schlaf erreicht. Samuel aber versteht nicht, wer ihn ruft. Der Wechsel aus dem harmonischen, fast schlaftrunkenen 4/4-Takt in den 7/8-Takt verdeutlicht die Verwirrung, die Gottes Ruf stiftet. Die Glocke erklingt jetzt, von bis zu drei Schlagzeugern mit unterschiedlichen Anschlagmaterialien bearbeitet, in ungewohnter Weise und leitet über in den Traum des Samuel. Vollkommen verunsichert, allein und orientierungslos, so erzählt es die Musik, begibt sich Samuel auf Gottsuche. Und seine Suche – gipfelnd in den Anrufungen Gottes in den Gottesnamen der monotheistischen Weltreligionen – findet Antwort: die Stimme der Glocke erklingt erneut und tritt in den Dialog mit den übrigen Instrumenten.
Aus dem fragenden Ruf des Chores „Hier bin ich Gott, war es dein Ruf, der mich weckte?“ wird schließlich ein Gott erkennendes und bekennendes „Sprich, dein Diener hört!“.
Die eigentliche Uraufführung dieses Stückes hatten die Besucher eines Friedensgottesdienstes zwei Tage zuvor im Straßburger Münster hören können. Zu einem ökumenischen Wortgottesdienst hatten sich Franzosen und Deutsche dort versammelt, um ein Zeichen der Völkerverständigung zu setzen und gemeinsam für den Frieden in der Welt zu beten. Auch wenn die Aufführung von „Hier bin ich, Gott“ in dem großen, dunklen gotischen Münster sicherlich ihren eigenen Reiz hatte und ein besonderes Klangerlebnis bot, offenbarte sich sein wahrer Gehalt erst in dem Karlsruher Gottesdienst.
In St. Bernhard gelang die Einbindung der Glocke und der Glockenkomposition in die Liturgie auf besonders eindrucksvolle Weise. Die Wort-Gottes-Feier ließ sich hier von den theologischen Ideen des Glocken-Stückes leiten: Hin-Hören - Gott suchen - verstehen und bekennen - diese Elemente spiegelten sich auch in den Texten, Liedern und Gebeten wider. Heinz Vogel, geistlicher Begleiter der MUSIK-WERKSTATT Freiburg, hatte mit viel Feingefühl eine Liturgie vorbereitet, die alle Sinne ansprach, weil sie auf den Zusammenklang von Musik, Text, Bild und Raum Wert legte. Bilder, Videosequenzen und Interviews – für alle Mitfeiernden gut sichtbar auf eine Leinwand projiziert – veranschaulichten das Gesagte. Da konnte einem schon ein Schauer über den Rücken fahren, wenn der Chor im Kyrie-Lied von Verblendung, Hass und Krieg sang, während Fotos von Kinderleichen in Beslan oder Kriegsbilder aus dem Irak zeigten, wie schmerzhaft heute der Friede fehlt.
In solchen Momenten erhob die Glocke der Musikwerkstatt in dieser Feier immer wieder ihre Stimme: um aufzurütteln, zur Besinnung zu rufen und auf Gottes Stimme aufmerksam zu machen.
„Glocken sind mehr als nur ein einzigartiger Klangkörper: sie sind ein Medium der Kommunikation“, meint Gregor Linßen. Dass er Recht hat, war hier spürbar: Aus einem gut durchdachten, mit viel Aufwand vorbereiteten Gottesdienst war an diesem Abend lebendige Liturgie geworden. Eine Liturgie - weiß Leo Langer aus zahlreichen E-Mails und Gesprächen -, die die Mitfeiernden erreichte, die viele zutiefst anrührte und auch heute noch weiterklingt. Die MUSIK-WERKSTATT hatte den richtigen Ton getroffen.
Auch für die Mitwirkenden der MUSIK-WERKSTATT war dieses Glockentage-Projekt in vielerlei Hinsicht ein besonderes Erlebnis: Wann hatten die Geigen der Gruppe AMI - auf 427 Hz heruntergestimmt, um mit der Glocke zu harmonieren - je mit solchen Schwierigkeiten bei der Intonation zu kämpfen? Wann waren Lastwagen, Hebekran und Hubwagen nötig, um ein Instrument zu transportieren, das mit einem Durchmesser von mehr als einem Meter durch keine normale Tür passt? Für die Perkussionisten bedeutete es eine regelrecht körperliche Erfahrung, auf einem 1 Tonne schweren Instrument zu spielen. Und die Chorsänger werden den Augenblick nie vergessen, als jeder von ihnen beim Einzug mit der bloßen Hand die Glocke anschlagen durfte, um bewusst zu sagen: „Hier bin ich, Gott“.
Alle zusammen haben an diesem Abend ein Stück zum Klingen gebracht, das einzigartig war und in dieser Form nicht noch einmal zu hören sein wird. Die Glocke der MUSIK-WERKSTATT ist mittlerweile längst abgebaut und bei der Glockengießerei abgestellt. Ob sie je wieder eingesetzt wird, ist fraglich: eine Glocke, die in ihrer Stimmung den Bruchteil eines Halbtons zu tief geraten ist, will niemand im Kirchturm hängen haben. Und trotzdem wird sie vielen in unvergessener Erinnerung bleiben ...
Monika Cajkovac
"Hier bin ich"
Für die internationalen Glockentage 2004 in Karlsruhe entstand die Gottesdienst-Ouvertüre "Hier bin ich" in deren Zentrum eine Kirchenglocke steht.
"Hier bin ich" ist die dritte Komposition von Gregor Linßen, die sich mit einer Kirchenglocke als Klangkörper auseinandersetzt.
1991 in der Ouvertüre des Abschlussgottesdienstes des Katholikentages von Karlsruhe lag das Augenmerk auf der Tradition des "Beierns". Ein Glockenspiel von fünf Glocken erklang zusammen mit der Band.
Im Jahr 2000 zum Jubiläum der Essener Kirchenmusikschule war es der Aspekt der Verkündigung, der einer Kirchenglocke zukommt. Im Magnificat "Er erhebt die Niedrigen” erklingt zur Musik, die die Besucher im Kirchenraum hören, vom Kirchturm her siebenmal sieben Schläge. Aus der inneren Sicht ist der Sinn zu begreifen, von außen bleibt die Verwunderung dieses ungewöhnlichen Signals.
Der gedankliche Ansatz von "Hier bin ich" ist der Klang, die Stimme der Glocke. Untrennbar damit verknüpft ist das Zuhören und die Dimension des Rufen bzw. des Gerufen-Werdens. Das Kyrie, im Ursprung die Anrufung des anwesenden Gottes, findet im Anschlagen der Glocke eine Entsprechung.
Als Gregor Linßen den Auftrag zu der Ouvertüre für die internationalen Glockentage bekam, war sofort klar, dass dafür eine Kirchenglocke im Kirchenschiff benötigt wird.
Bei der Suche nach einer geeigneten Glocke wurde der Komponist seinerzeit bei der Glockengießerei Bachert fündig. Dort stand eine Glocke in G aus der Zeit des ersten dt.-frz. Krieges, welche im 1. Weltkrieg eingeschmolzen und danach wiedergegossen wurde. Ihre Inschrift "Nunc dimittis servum tuum quia oculi mei salutare tuum viderunt" setzt ihrer Zeit eine klangvolle Botschaft entgegen.
Die Inschrift und die Geschichte dieser Glocke inspirierte Gregor Linßen zum inhaltlichen Kern der Ouvertüre: der Geschichte von der Berufung des Propheten Samuel und seinen Worten "Hier bin ich, dein Diener hört." Diese Geschichte vereint die beiden Aspekte des Stückes "Stimme und Hören"
Zu Beginn der Ouvertüre schlägt jeder Chorsänger mit der Hand im Vorbeigehen die Glocke an. Dies geschieht zum Zeichen des bewussten Vor-Gott-Tretens um seine Sorgen mitteilen zu können, aber auch zum Zeichen der Bereitschaft hinzuhören, was mein Auftrag ist. Aus diesem Klang entsteht eine Traumsequenz, der der Kyrie-Teil folgt. Die Bitten und Nöte werden im Glockenimprovisationsteil "Die Stimme der Glocke" aufgegriffen und durch den Klang transformiert. Drei Perkussionisten bespielten dabei die etwa 1000 kg schwere Glocke.
Im Rahmen eines dt.-frz. Friedensgottesdienstes am 23.9.2004 wurde "Hier bin ich" im Straßburger Münster unter Leitung des Bezirkskantors Leo Langer uraufgeführt und wenige Tage später in Karlsruhe wiederholt. Eine weitere Aufführung geschah in der Domnacht der Heilig-Rock-Tage 2005 in Trier. Dafür wurde das Stück wegen der dort zur Verfügung stehenden Glocke nach Fis transponiert.




